Westdeutsche Zeitung: Die Angst ist leiderüberall Die Attentäter von Boston können auch unser Leben verändern

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Von Martin Vogler(martin.vogler@wz-plus.de)
Niemand atmet auf, obwohl man die beiden Attentäter des
Boston-Marathons zu kennen glaubt. Abgesehen davon, dass der Tod
eines Menschen – auch wenn dadurch ein Terrorist als Gefahrenquelle
ausscheidet – nie Grund zum Jubeln sein kann: Zu groß war die
Todesangst, in die gestern die Flucht des zweiten Täters
Hunderttausende im Großraum Boston versetzte. Der Gedanke, er könnte
schwer bewaffnet in nächster Nähe in seinem Versteck sitzen, muss
unerträglich sein. Doch das sind – so schlimm sie auch sind – nur
Momentaufnahmen von gestern. Erschütternder und nachhaltiger ist
unsere Ratlosigkeit. Obwohl jetzt die Täter und deren
tschetschenische Wurzeln bekannt scheinen, gibt es keine Antworten zu
deren Motiv. Und die wird es auch so schnell nicht geben, falls den
Ermittlern nicht glückliche Umstände in die Hände spielen. Die
Vermutung, die Brüder seien islamistische Terroristen, kann voreilig
sein. Denn als Weltanschauung auf einer Internetseite „Islam“
anzugeben, ist nicht kriminell. Islamistische, gewaltverherrlichende
Videos mit „Gefällt mir“ anzuklicken, ist schon eher ein Indiz.
Andererseits möchten sicherlich auch viele deutsche Eltern lieber
nicht wissen, was ihre halberwachsenen Kinder alles im Netz positiv
bewerten. Wir werden wohl noch lange über das Motiv rätseln. Und
verstehen, warum jemand mit explodierenden Schnellkochtöpfen
Marathonläufer und deren Fans töten will, werden wir nie. So irre
kann niemand sein – sollte man meinen. All diese Unklarheiten
steigern unsere Angst vor weiteren Attentaten, die sich in den Jahren
seit dem 11. September 2001 weitgehend gelegt zu haben schien. Wir
hoffen, dass es diesmal nur verwirrte Einzeltäter waren. Wir hoffen,
dass es keine weiteren Idioten-Nachahmer gibt, die etwa dem
Bundespräsidenten Sprengstoff schicken. Und wir hoffen, dass nicht
ausgerechnet in unserem Umfeld etwas passiert. Letzteres kann immer
geschehen. Und dennoch wären wir schlecht beraten, uns jetzt
übervorsichtig einzuigeln und Massenveranstaltungen zu meiden. Wenn
wir uns etwa heute nicht mehr zur Nacht der Museen, zum Einkaufen in
eine belebte Innenstadt oder ins Fußballstadion trauen, dann hätte
der Terrorismus zumindest eines erreicht: uns die Lebensfreude zu
rauben.

Pressekontakt:
Westdeutsche Zeitung
Nachrichtenredaktion
Telefon: 0211/ 8382-2370
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