Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Bertelsmann und Gruner + Jahr

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Bertelsmann hat in diesem Jahr schon mehrmals
für Aufsehen gesorgt. Beim Verkauf eines Teils der RTL-Aktien und bei
der angekündigten Schließung des Bertelsmann-Clubs lagen die Motive
von Konzernchef Thomas Rabe auf der Hand. Die eine Aktion brachte
Geld in die Kasse, die andere stoppte eine Unternehmung, die immer
mehr zum Problemfall wurde und möglicherweise bald ein größeres Loch
in die Konzernkasse gerissen hätte. Beide Entscheidungen ebneten
offensichtlich den Weg für Rabes Strategie, einerseits Bildung neben
Medien und Dienstleistungen als dritte Säule aufzubauen und
andererseits die Digitalisierung voranzutreiben. Doch warum jetzt das
Ende der Partnerschaft bei Gruner + Jahr und die vollständige
Integration des Zeitschriftengeschäfts in Bertelsmann? Auf den ersten
Blick scheint dies nicht schlüssig. Schließlich gehören Magazine wie
»Eltern«, »Stern«, »Brigitte«, »Gala«, »Geo« und »Capital«, so modern
sie auch am Kiosk daherkommen, nicht zu dem, was Bertelsmann als die
Zukunft der Medienwelt ausgemacht hat. Auch bei Umsatz und Gewinn
rangiert G + J seit Jahren nur im unteren Drittel des Gütersloher
Konzerns. Zerschlagung und Weiteverkauf des Zeitschriftengeschäfts
fallen als Motive aus. Das kann sich Bertelsmann nicht erlauben. Wer
sich so ins Zeug wirft, glaubt an die Zukunft und die
Digitalisierungsfähigkeit des Zeitschriftengeschäfts. Den Partner
scheint man nur noch als Bremsklotz empfunden zu haben. In der Ehe
der beiden Häuser hatte es immer wieder Querelen gegeben; meistens
ging es um Personalien. Diesmal ging der Riss tiefer. Diese
Differenzen ließen wohl auch die Jahr-Familie weich werden. Wenn es
richtig ist, was die Branche sagt, ist der Kaufpreis nicht höher als
ein niedriger dreistelliger Millionenbetrag. Das ist weniger als
alles, was vor zwei Jahren als Gerücht kursierte. Damals hieß es,
Jahr könnte unter anderem mit einem Anteil von fünf Prozent am
Bertelsmann-Konzern entschädigt werden. Gemessen am
»Schnäppchenpreis« bekommt Rabe eine ganze Menge, voran etablierte
Medienmarken. Zwar sind Google, Amazon, Ebay und Facebook im Internet
erfolgreich, obwohl sie vorher keinen Namen hatten. Doch wenn es um
das Geschäft mit seriösen Nachrichten geht, zählen Marken im
weltweiten Netz eben doch. Rabe braucht nach Vorbildern nicht zu
suchen: An Bild-Online, Focus-Online und vor allem Spiegel-Online
können sich die Magazine von G + J ausrichten. Synergien mit dem
Fernseh- und vielleicht sogar E-Commerce sollten das Geschäft dann
richtig profitabel machen. Dass Stern und Geo bislang auf halbem Weg
stehenblieben, hatte wohl mit Abstimmungsproblemen in der
Eigentümergemeinschaft zu tun. Eines aber sollte Rabe bei dem
strikten Sparkurs, den er G + J verordnet, nicht aus den Augen
verlieren: Gehen im Medienbereich Kompetenz und Professionalität im
Umgang mit Nachrichten verloren, ist ein guter Name auch schnell
verbraucht.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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