Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu den Unruhen in Baltimore

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Freddie Gray dürfte sich angesichts der
sinnlosen Gewalt in seinem Namen im Grabe umdrehen. Was die
Randalierer am Tag der Beerdigung des 25-Jährigen in Baltimore
veranstalteten, grenzt an Selbstsabotage. Statt den Fokus auf die
Polizeibrutalität gegen Minderheiten zu richten, taten die wenig
intelligenten Strippenzieher des »Tags der Säuberung« alles, um die
Aufmerksamkeit davon abzulenken. Jetzt spricht die ganze Welt über
zerschlagene Schaufenster, geplünderte Geschäfte, in Brand gesteckte
Streifenwagen, 15 verletzte Polizisten und mehr als 200 Festnahmen.
Der Frust darüber ist bei der schwarzen Bürgermeisterin, den
Bürgerrechtlern und Predigern der mehrheitlich afro-amerikanischen
Stadt überall zu spüren. Sie wollten mit der Trauerfeier für den
jungen Schwarzen ein solidarisches Zeichen setzen. In Scherben liegen
nicht nur die Schaufenster der Geschäfte im armen Westteil der Stadt,
sondern auch die Hoffnung, der bisher ungeklärte Tod Freddie Grays
werde am Ende helfen, die Sensibilität für das Problem der
Polizeigewalt im Umgang mit Angehörigen gesellschaftlicher
Minderheiten zu schärfen. Die live übertragenen Bilder der Unruhen in
der nur 60 Kilometer weit vom Weißen Haus gelegenen Hafenstadt drohen
im Gegenteil Stereotypen zu bedienen. Gewiss werden sich jetzt
diejenigen bestätigt fühlen, die finden, der Polizei bleibe in
solchen Nachbarschaften wenig anderes übrig als mit Härte gegen
Verdächtige vorzugehen. Die Verantwortlichen in Baltimore stehen vor
einer doppelten Aufgabe. Zuerst und zuvorderst müssen sie Ordnung und
Sicherheit wiederherstellen. Dass die schwarze, progressive
Bürgermeisterin der Stadt sich gezwungen sah, bei dem
republikanischen Gouverneur von Maryland die Nationalgarde
anzufordern, zeigt, wie ernst die Lage ist. Im nächsten Schritt geht
es darum, die Aufmerksamkeit zurück auf die Polizeiarbeit in den
Armenvierteln und Vorort-Ghettos der US-Großstädte zu lenken. Dabei
spielen Vertreter der Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle, aber
auch die Regierung in Washington. Barack Obama sollte als erster
afro-amerikanischer Präsident im Weißen Haus keine Scheu davor haben,
strukturelle Probleme bei Polizei und Strafverfolgung im Umgang mit
Minderheiten mit Nachdruck anzugehen. Von Michael Brown in Ferguson
über Michael Garner in New York bis Walter Scott in North Charleston
und nun Freddie Gray zieht sich der nicht-proportionale Einsatz von
Gewalt gegen Angehörige von Minderheiten wie ein roter Faden durch
das Land. Es sind andere Orte, aber immer ähnliche Geschichten, die
stets tödlich für die verfolgten Personen endeten. Solange das
vergessene Amerika nur Schlagzeilen macht, wenn es brennt, wird es
keine Gerechtigkeit geben. Auch nicht für Freddie Gray, dessen Tod
über die Baltimore-Unruhen in Vergessenheit zu geraten droht.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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