Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu der Karlspreis-Verleihung

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Endlich. Endlich ist da einer, der die Krise
Europas beim Namen nennt. Der nicht vor einer Bewegung kuscht, die
sich selbst als »Volkes Stimme« sieht. Der Wahrheiten benennt, wo
andere den tausendfachen Flüchtlingstod im Mittelmeer kaum zur
Kenntnis nehmen. Der zu Visionen aufruft, wo andere wieder Grenzen
errichten. Papst Franziskus hat mit seiner Rede am Freitag im
Vatikan nicht nur dem Karlspreis neuen Glanz verliehen. Der
Argentinier hat weit darüber hinausgehend den Gedanken von einem in
Frieden, Freiheit und Solidarität vereinigten Europa belebt.
Eigentlich wäre dies die Aufgabe der Nachfolger von Robert Schuman,
Konrad Adenauer und Alcide Degasperi. Die Gründerväter des Vereinten
Europa hatten nach Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg den
Mut zu einer totalen Wende. Die heutigen Staatsführer feilschen
stattdessen auf ihren Gipfeln um jeden Euro und neuerdings um
fast jeden Flüchtling, der aufgenommen werden soll. Bemerkenswert
ist, dass der Papst bei seinem Appell nicht vorrangig aus der Bibel
zitiert – obwohl er im Neuen Testament genug Stoff fände.
Stattdessen verweist Franziskus mehrmals auf die humanistische
Tradition und auf die Menschenrechte – europäische Werte also, die
religionsübergreifend gelten sollten. Migrant sein ist kein
Verbrechen – dieser Satz sitzt. Er kommt auch deshalb bei den
Zuhörern an, weil der Papst nicht zu denen gehört, die Wasser
predigen und selbst Wein trinken. Viel Prunk und Firlefanz, mit dem
etliche Vorgänger ihre Autorität zu untermauern suchten, hat er
schon abgeschafft. Franziskus ist ein Mann der Worte und der Tat. Vom
Besuch auf der Insel Lesbos nahm er zwölf Flüchtlinge aus Syrien mit
und gab ihnen Asyl im Vatikan. Der Pontifex hat weder das Geld
noch die Macht, Europas wirtschaftliche und finanzielle Probleme zu
lösen. Aber er hat den Mut, die moralischen Probleme Europas
anzusprechen. In der Rolle folgt er seinem Namensgeber. Von Franz
von Assisi stammt der Satz: »Das Gesetz fordert, die Strafe nimmt,
die Gnade gibt.« Europa, hör auf diesen Papst! Er ist nicht der
erste, der Gnade vor Recht stellt. Auch der Reformator Martin Luther
tat es. Und natürlich Jesus Christus selbst. Nicht wenige
Politiker, davon einige in zutiefst katholischen Ländern Osteuropas,
müssen das wieder lernen. Es besteht Hoffnung, dass diejenigen, die
verlernen, auf die Sprache der Humanität zu hören, wenigstens die
Leviten des Papstes verstehen. Fortsetzung könnte in zehn Wochen
folgen, wenn der Papst beim Weltjugendtag in Polen zu Gast sein
wird.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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