Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu der Katholischen Kirche

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»Wir dürfen also die erotische Dimension der
Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last
verstehen,(…) sondern als Geschenk Gottes betrachten, das die
Begegnung der Eheleute verschönert.« Allein dieser Satz von Papst
Franziskus hat das Zeug, das Pontifikat des 79-Jährigen als
revolutionär in die neuere Kirchengeschichte eingehen zu lassen. Sein
am Freitag veröffentlichtes Fazit aus dem für vatikanische
Verhältnisse ungewöhnlichen Diskussions- und Beratungsprozess über
Ehe und Familie befreit die nationalen Bischofskonferenzen und
Ortskirchen auf so gründliche Art, dass Traditionalisten schon um die
Einheit der katholischen Weltkirche bangen – was kaum zu befürchten
ist. Das Abräumen von verkrampften Tabus und der klare
Perspektivenwechsel – weg von trockenen Lehrsätzen ex cathedra, hin
zum unverstellten Blick in die Herzen – das ist Franziskus pur. Statt
auf normative Verbote setzt er mit Thomas von Aquin auf die Klugheit
und das Gewissen der Menschen. Vor allem räumt er den Seelsorgern
mehr Bewegungsspielräume ein. Denn nicht Rom, sondern der
Gemeindepfarrer bietet einem Gläubigen zum Beispiel bei Scheidung
oder Wiederheirat ein theologisches Gespräch an. Fragen an Gott zu
Mitverantwortung, Schuld und Sühne nach dem Scheitern einer Beziehung
gehören nur auf diese Ebene. Wohin denn sonst? Franziskus schafft mit
dem Schreiben »Amoris Laetitia« die Gratwanderung zwischen alter
Lehre und dem neuen Kurs der Barmherzigkeit – ohne die
Traditionalisten mit dem Umkrempeln von Lehrsätzen vor den Kopf zu
stoßen oder die Kirche gar zu spalten. So werden polnische und
afrikanischen Bischöfe gewiss ihren Widerstand gegen die Zulassung
Wiederverheirateter zur Kommunion beibehalten. Für deutsche und
amerikanische Diözesen ist dagegen der Weg frei zur langersehnten
Öffnung. Franziskus Sorge darüber, dass die kirchliche Sexualmoral
seit dem Verbot der Pille 1968 durch Paul VI. keinen Millimeter
vorangekommen ist, lässt sich beim Lesen des Textes über die
Schönheit der Liebe und erfüllte sexuelle Beziehungen mit Händen
greifen. Wer hätte nach Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gedacht,
dass deren Nachfolger sogar am Zölibat der Priester rührt? Selbst die
enttäuschende Haltung gegenüber homosexuellen Gläubigen ist bei
genauer Betrachtung nicht ganz so gnadenlos. Denn Franziskus–
Forderung, niemanden vom Respekt und der Güte Gottes auszuschließen,
muss den homophoben Kräften im Vatikan deren Herzlosigkeit um die
hochroten Ohren hauen. Allerdings bleibt der Papst bei der Trennung
zwischen regulären und irregulären Beziehungen. Um die letzten
Stolpersteine auf dem Weg in die Realität abzuräumen, braucht es noch
einen zweiten Franziskus.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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