Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Marcel H./Herne

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Die Nachricht war zwar schon am Donnerstagabend
gekommen, aber auch jetzt ist die Erleichterung immer noch groß: Der
Mörder von Herne ist gefasst. Zugleich bleiben Trauer und Wut,
Fassungslosigkeit und Entsetzen. Marcel H. hat ein umfassendes
Geständnis abgelegt. Zwei Menschen hat er das Leben genommen – einmal
mit 52 und einmal mit 68 Messerstichen. Eines seiner Opfer war neun,
das andere 22 Jahre alt. Beide mussten sterben, obwohl ihr Leben
gerade erst begonnen hatte. Wie muss es ihren Eltern, wie allen ihren
Angehörigen und Freunden jetzt ergehen? Sie leben weiter – ja, sie
müssen weiter leben, aber ein wertvoller Teil ihres Lebens ist für
immer zerstört. Nichts wird mehr so sein, wie es war. Was würde
Marcel H. wohl sagen, wenn er ihnen gegenüberstände? Ohnmächtig lässt
uns das Geschehen zurück. Es ist immer wieder aufs Neue verstörend zu
sehen, was Menschen zu tun imstande sind. Auch wenn Marcel H. seine
Aussagen gemacht hat, bleiben viele Fragen offen. Und noch ist der
19-Jährige kein rechtskräftig verurteilter Mörder. Das hat in unserer
Redaktion am Freitag neben allem Entsetzen, neben aller Ratlosigkeit
auch eine Debatte über unsere Verantwortung ausgelöst. Muss aus dem
vollen Namen des gesuchten Tatverdächtigen nun zwingend wieder Marcel
H. werden, weil der 19-Jährige noch nicht verurteilt ist? Dürfen wir
sein Foto nicht mehr unverpixelt zeigen, weil ja nun nicht mehr nach
ihm gefahndet wird? Setzen wir uns womöglich ganz bewusst über beides
hinweg? Oder schaffen wir damit nur die Bühne, die solche Täter ja
gerade suchen und fordern so im schlimmsten Fall sogar noch Nachahmer
heraus? Zudem: Marcel H. ist volljährig, aber ist er auch erwachsen?
Das wird erst der Prozess zeigen können. Auch kann man mit dem Recht
am eigenen Bild argumentieren – schließlich gilt der Rechtsstaat auch
für mutmaßliche Täter. Dagegen steht freilich, dass sich Marcel H.
mit seinen Taten gebrüstet hat. Vor allem jedoch: Geht die ganze
Debatte nicht komplett an der Realität vorbei, da das Foto von Marcel
H. zu Fahndungszwecken ja auch über das Internet verbreitet wurde und
damit unauslöschlich in der Welt ist? Die nachträgliche Verpixelung
eines tagelang unverpixelt gezeigten Fotos könnte da geradezu wie
eine wohlfeile Art der Selbstzensur wirken. Getreu dem Motto: Seht
her, wir Journalisten verhalten uns moralisch einwandfrei. Am Ende
muss all das jede Redaktion in jedem Einzelfall immer wieder neu für
sich entscheiden. Wir haben uns entschieden, das Bild von Marcel H.
in dieser Ausgabe zu zeigen. Eine besondere Schutzbedürftigkeit sehen
wir nicht, auch wenn diese Entscheidung nicht einstimmig fiel.
Ungeteilt ist unser Mitgefühl für die Hinterbliebenen der Mordopfer.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

Original-Content von: Westfalen-Blatt, übermittelt durch news aktuell

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