Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Brexit

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Die Briten ticken einfach anders als die
Europäer auf dem Festland. Mit ihren Autos fahren sie links, und ihr
Pfund behalten sie als Währung. Das ist es auch schon mit der
Folklore, wenn es um den möglichen Austritt Großbritanniens aus der
Europäischen Union geht. Denn die Folgen eines Ja zum Brexit am 23.
Juni sind für die Briten und die EU so ernst, dass die Nervosität in
Brüssel und Berlin täglich steigt.

Glaubt man den jüngsten Umfragen, dann stimmt eine Mehrheit von
etwa 55 Prozent für den Austritt. Die Zahl der Befürworter ist so
stark angestiegen, weil sich seit der Ankündigung des Referendums die
Situation Europas verändert hat. Als Premierminister David Cameron
unter dem Druck schlechter Umfragewerte am 23. Januar 2013 versprach,
im Falle seiner Wiederwahl das Volk über den Verbleib in der EU
entscheiden zu lassen, waren die großen Krisen noch weit entfernt:
der Konflikt mit Russland wegen der Ukraine, die faktische
Staatspleite Griechenlands und der Flüchtlingsstrom mit all seinen
Folgen.

Ein bisschen Säbelrasseln gegenüber Putin macht die militärisch
sozialisierten Briten nicht bange, und Euros nach Athen tragen müssen
ohnehin andere. Ist es am Ende die Flüchtlingskrise des Kontinents,
die das Votum auf der Insel maßgeblich beeinflusst? Da die Briten im
Vergleich zu Deutschland praktisch keine Flüchtlinge aufnehmen, liegt
es nicht an der Anzahl der Asylbewerber. Es geht um mehr, nämlich um
die Abgabe von staatlicher Souveränität und den Verlust der
nationalen Identität. Dabei spielen große Teile der Bevölkerung in
allen EU-Staaten nicht mehr mit. Der Trend, anti-europäisch und
populistisch zu wählen, verfestigt sich. Die Konsequenzen des Brexit
liegen auf der Hand: Beide würden schwächer werden, die EU und
Großbritannien wären gleichermaßen Verlierer. Europas Binnenmarkt
verlöre die zweitgrößte Volkswirtschaft und umgekehrt, und der
Schritt könnte Fliehkräfte auslösen. In Italien würden derzeit 48
Prozent der Wähler für einen EU-Austritt stimmen.

Weitere wahrscheinliche Folgen für Großbritannien: die Abspaltung
Schottlands, denn die Schotten wollen in der EU bleiben; der
Bedeutungsverlust für den globalen Finanzplatz London, der zehn
Prozent der britischen Wirtschaftskraft ausmacht, samt Platzen der
Immobilienblase und entsprechendem Wohlstandsverlust. Und Europa? Die
EU müsste damit leben, das Mitglied mit der einsatzfähigsten Armee zu
verlieren. Außerdem fiele die tragfähigste atlantische Brücke zu den
USA weg. Briten sagt man eine gesunde Portion Pragmatismus nach. Nach
einem Brexit müssten sie für den Zugang zum EU-Binnenmarkt Geld nach
Brüssel überweisen, ohne in Brüssel noch Einfluss zu haben. Dies
sollte die Unentschlossenen unter den Wählern vom Verbleib in der EU
überzeugen.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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