Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Tag der Deutschen Einheit

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Es ist zwar nur Zufall, doch es erscheint wie
eine Vorsehung, dass in diesem Jahr ausgerechnet Dresden Gastgeber
für die offiziellen Feiern zum Tag der Deutschen Einheit ist. Dort,
wo am lautesten gegen die Demokratie und ihre Repräsentanten
gepöbelt wird, wo »Pegida« am Feiertag unter dem Motto
»Ausgemerkelt und Ausgegauckt« seine Verachtung für das
parlamentarische System herauskrakeelen will, wo auch Linke Rabatz
angedroht haben, wo am Wochenende Polizeiautos brannten, soll an den
friedlichen Sieg von Freiheit und Demokratie über Diktatur und
Gewalt erinnert werden. Schon lange nicht mehr wurde die
Standfestigkeit der Demokraten auf eine so harte Probe gestellt. 26
Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es viele Mauern in
Deutschland. Da ist einerseits die alte, schon überwunden geglaubte,
die aber zumindest noch immer lange Schatten wirft. 2500 Euro
Durchschnittsbrutto Ost, 3200 im Westen: Von gleichwertigen
Lebensbedingungen zu sprechen, die das Grundgesetz gebietet, fällt
angesichts dieser aktuell erhobenen Zahlen schwer. Soli hin, Aufbau
Ost her: Wirtschaftlich hinken weite Teile der neuen Länder auch im
dritten Jahrzehnt der Einheit hinterher. Das mag zumindest einen Teil
der Unzufriedenheit erklären, die sich bei »Pegida« & Co. so
ungestüm Bahn bricht. Doch da sind auch die neuen Mauern, die längst
nicht mehr nur Ost und West trennen. Da ist die Mauer des Hasses,
die keinen Dialog mehr durchdringen lässt. Viel zu lange haben die
sich seit Jahrzehnten als staatstragend definierenden Parteien
zugesehen, wie diese Mauer immer höher und breiter wurde.
Nichtwähler, Frustrierte, Verunsicherte: Das erschien nicht als
Klientel, die Beachtung verdiente. Dieser Mangel an Aufmerksamkeit
rächt sich nun. Genau diese Menschen träumen von einer Grenzmauer,
die Deutschland abschotten soll: Globalisierung, Flüchtlinge, Europa,
Klimawandel – all das möchten sie am liebsten ausgesperrt sehen.
Daran ändern auch die deutlich nach unten korrigierten
Flüchtlingszahlen nichts. Sie mögen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ein
wenig Argumentationshilfe leisten, das Ende aller Sorgen aber ist ja
keineswegs erreicht. Das gebotene Maß an Humanität mit
rechtsstaatlicher Konsequenz zu vereinen bleibt eine Daueraufgabe,
die weder morgen noch übermorgen, sondern allenfalls in Jahrzehnten
zu bewältigen sein wird. Zugleich muss Deutschland, das
wirtschaftlich wie kaum ein zweites Land von offenen Grenzen und
freiem Handel profitiert, weiter um die bröselnde europäische
Einheit werben. Ist das angesichts von Brexit und Ungarn-Referendum
blauäugig? Nein, das ist alternativlos.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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