Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur CSU

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Bayern produziert Atommüll, will ihn aber nicht
bei sich lagern. Bayern will von den Stromautobahnen von Nord nach
Süd profitieren, aber nicht, dass die Trassen den Freistaat
verschandeln. Stattdessen sollen sie lieber durch Hessen und
Baden-Württemberg verlaufen. Bayern hielt stur an der Pkw-Maut für
Ausländer fest, obwohl sich die Stimmer derer häuften, die vor der
Unvereinbarkeit mit dem EU-Recht warnten. Und bevor das
Bundesverfassungsgericht sich überhaupt mit dem Betreuungsgeld
befasste, erklärte die CSU bereits, sie werde daran festhalten, egal
wie das Urteil ausfalle. Bayern sieht die Welt immer wieder anders
als die übrigen Bundesländer und sorgt wegen der Sturheit für
Kopfschütteln. Was Atommüll und die Stromtrassen angeht, ist das
Verhalten schlicht unsolidarisch und dreist. Und mit der Haltung
gegenüber dem Bundesverfassungsgericht schwächt die CSU dessen
Ansehen.

»Mia san mia«, sagen die Bayern und denken: »Und ihr seid ihr.«
Das überbordende Selbstbewusstsein, das bisweilen an Arroganz grenzt,
hat viele Gründe. Bayern ist geschichtlich, wirtschaftlich und
kulturell eine Erfolgsgeschichte – von der sportlichen
Ausnahmestellung des FC Bayern München in der Fußballbundesliga ganz
zu schweigen. Das Land stieg vom Herzogtum zum Kurfürstentum und dann
zum Königreich auf – wenngleich von Napoleons Gnaden. Als Bismarck
nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 ein gesamtdeutsches
Kaiserreich schmiedete, musste er den »Märchenkönig« Ludwig II. in
München erst mit enormen Summen schmieren, damit der dem preußischen
König die Kaiserkrone antrug. Ludwig II. wollte, dass Bayern
eigenständig blieb.

Heute heißt das Königreich Freistaat – geblieben sind das große
Selbstbewusstsein und der Argwohn gegenüber den Preußen in Berlin.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Bayern zur CSU-Monarchie.
Die Partei machte vieles richtig, aus dem Agrarstaat einen Industrie-
und Hochtechnologiestandort mit Global Playern wie BMW und Siemens.
Bei Bildung und Wissenschaft belegt das Land regelmäßig
Spitzenplätze, bei der kulturellen Vielfalt kann München etwa mit
seinen Pinakotheken mit Berlin mithalten. Und kein Volksfest ist so
groß und berühmt wie die »Wiesn«.

Bayerns Selbstbewusstsein kommt also nicht von ungefähr. Und wer
ihm mangelnde Solidarität vorwirft, sollte gleichzeitig nicht
vergessen, dass der Freistaat das größte Geberland im Rahmen des
Bund-Länder-Finanzausgleichs ist.

Im Stillen wird Bayern von den Regierungschefs der anderen Länder
beneidet. Deren Hochachtung vor dem in München Geleisteten sollte die
CSU nicht durch seltsame Sonderwege strapazieren. Weißwürste zupfeln
ja, aber nicht zu viele Extrawürste braten.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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