Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Flüchtlingskrise

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»Schaffen wir das?« haben wir gefragt, ein Jahr
nach Angela Merkels: »Wir schaffen das.« In einer 16-teiligen Serie,
die mit einer Leserbrief-Doppelseite vorerst ihren Abschluss
findet, haben unsere Autoren nachgezeichnet, was passiert ist, was
noch passieren muss und was nicht wieder passieren sollte. Was
gelungen und was misslungen ist, was getan wurde und was dringend
getan werden muss. Denn die Arbeit geht ja erst los: Erfolg und
Misserfolg von Integration lässt sich eher nach Jahrzehnten als nach
Jahren bewerten, sicher aber nicht nach einem Jahr.

Die eine Antwort auf die Frage »Schaffen wir das?« gibt es nicht.
Allein schon: Wer ist »wir« und was ist »das«? Wer sich vom »wir«
zwangsverpflichtet sah, musste den Satz ablehnen. Und skeptisch
konnten alle werden, die früh und zu Recht ahnten, dass vieles wohl
zu schaffen ist, aber nicht alles. Ihre mitunter übel diffamierten
Zweifel markierten einen Widerspruch zum Absolutheitsanspruch, den
man leicht aus Merkels Äußerung heraushören konnte. Drei Worte, die
sich auch verselbstständigten, weil die Kanzlerin viel zu wenig
unternahm, um die Deutungshoheit zu behalten.

So wurde ihr Satz zur Chiffre für die Flüchtlingsdebatte. Angela
Merkel wird ihn zukünftig wohl kaum noch verwenden. In dieser Woche
konnte man beobachten, wie sie dabei ist, ihre Rhetorik ihrem
realpolitischem Regierungskurs mit Asylrechtsverschärfungen,
Türkei-Abkommen, Ausweisung weiterer sicherer Herkunftsländer und
Integrationsgesetz anzupassen. »Deutschland wird Deutschland
bleiben«, sagt die Kanzlerin nun. Wieder so ein Satz, bei dem man
sich fragen kann, was er wohl genau bedeuten soll.

Die Dinge sind im Fluss – und in einer globalisierten Welt kann
sich dieser Fluss ebenso schnell in einen reißenden Strom verwandeln,
wie ein Rinnsal aus ihm werden kann. Das Wichtigste aber: Was zu
schaffen ist, liegt gar nicht allein in unserer Hand. Weder können
wir bestimmen, welche und wie viele Menschen sich wann auf den Weg
zu uns machen, noch können wir alle Probleme für uns allein lösen. Es
ist eine der größten Lügen der innenpolitischen Debatten dieser Tage,
das nicht zuzugeben oder gar das Gegenteil zu behaupten.

Vor einem Jahr war die Stimmung weitaus besser als die Lage. Heute
ist es umgekehrt. Unsere Emotionen sind sozusagen vom Münchner zum
Kölner Hauptbahnhof gereist. Wahr ist: Das Chaos an den Grenzen und
in den Behörden ist weitestgehend einer routinierten Geschäftigkeit
gewichen. Deutschlands Städte und Gemeinden haben nach einer
grandiosen Kraftanstrengung den viel zu lange andauernden
Krisenreaktionsmechanismus hinter sich gelassen. Und die Zahl der
Flüchtlinge ist drastisch zurückgegangen. Wahr ist aber auch, dass
das fast untergeht in einer aufgeheizten politischen Stimmung, in
der Gefühle oft die Fakten ersetzen.

Wir Deutsche sind sehr mit uns selbst beschäftigt. Mitunter trübt
das den Blick für die Realität um uns herum – in Europa und erst
recht in der Welt. Wir können diese Realität ausblenden, aber nicht
aussperren. Wir müssen uns ihr genauso stellen wie der Realität in
unserem Land. Hier profitieren viele, aber eben längst nicht alle
vom Wohlstand. Und es gibt auch noch Probleme abseits der
Flüchtlingspolitik. Vor allem aber: Die AfD ist nicht der neue
Fixstern unseres Landes.

Gelegentlich würde schon Gelassenheit helfen, wo Panik
verbreitet wird. Zugleich müssen wir die Wahrheit ertragen, auch
wenn sie unbequem erscheint. Wir brauchen den harten Streit in der
Sache mit weniger Sprechverboten, aber mehr Anstand im
Sprachgebrauch. Wo Sprache und Gesten verrohen, verroht auch der
Mensch. Wir brauchen ein mitfühlendes Herz und einen kühlen
Verstand, um uns unserer selbst zu vergewissern. Das ist es, was wir
schaffen müssen.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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