Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur G-8-Umfrage

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Die Zeiten haben sich geändert. Während
Gerhard Schröders Kanzlerschaft liefen vermeintlich weiche Themen wie
Familie und Schule noch unter »Gedöns«. Heute kann das, was vor 15
Jahren als politisches Beiwerk abgetan wurde, Wahlen maßgeblich
beeinflussen. Hat der Streit um das Turbo-Abitur das Zeug, die
NRW-Landtagswahlen am 14. Mai 2017 zu entscheiden? Im Moment sieht es
noch nicht so aus, weil sich weder Rot-Grün noch die CDU an die
Spitze der Bewegung aus Eltern, Schülern und Lehrern setzen wollen.
Die Zurückhaltung der Parteien hat Gründe. 2004 waren sich alle
Landtagsfraktionen darin einig, den Weg zur Hochschulreife zu
verkürzen. Als Begründung führte man unisono den
»verantwortungsvolleren Umgang mit der Lebenszeit unserer Kinder« an.
Schließlich war es 2005 die neue CDU/FDP-Landesregierung, die G8 auf
den Weg brachte. Dabei machte Schwarz-Gelb den Kardinalfehler, der
bis heute wirkt und wahrscheinlich die Hauptursache für die große
Ablehnung des Turbo-Abiturs ist: Um die Schulzeit zu verkürzen,
strich man das Jahr nicht in der Oberstufe, sondern verdichtete die
Mittelstufe (Sekundarstufe I). Mehr Stunden, mehr Stoff – und das
mitten in der Pubertät. Die politische Zustimmung zu G8 entsprang
unterschiedlichen Antrieben. CDU und FDP gaben den Forderungen der
Wirtschaft nach, junge Leute schneller in den Beruf zu bringen. Zudem
lag damals die Internationalisierung der Bildung (G8, Bachelor,
Master) im Trend. Nach dem Regierungswechsel im Jahr 2010 machten
SPD und Grüne schnell deutlich, worum es ihnen bei G8 geht: um die
Stärkung ihres Lieblingskindes Gesamtschule durch die Schwächung des
Gymnasiums. Der klassische Weg zum Abitur sollte unattraktiver
gemacht werden. Das ist Rot-Grün gelungen. Bislang haben Hannelore
Kraft und Sylvia Löhrmann keine Quittung bekommen. Das könnte sich
ändern, wenn die CDU die stark verbreitete Anti-G8-Stimmung zu
ihrer Sache macht. Vielleicht ist es aber auch die
SPD-Ministerpräsidentin selbst, die es ihrem niedersächsischen
Amtskollegen und Parteifreund Stephan Weil gleichtut und G8 wieder
abschafft. Ansätze dazu sind seit vergangenem Sommer erkennbar, als
die SPD-Landtagsfraktion von der grünen Schulministerin einen Plan B
für den Fall des Scheiterns von G8 forderte. Und G8 ist gescheitert.
Es bringt nichts, die Hausaufgaben an Gymnasien abzuschaffen und pro
Halbjahr und Fach eine Klausur weniger zu schreiben. Mit solchen
Maßnahmen schadet man nur der ohnehin schon beschädigten
Studierfähigkeit vieler Schüler. Wenn nur die Eltern besonders guter
Schüler G8 bevorzugen, dann verfestigt das Turbo-Abitur die
Bildungsunterschiede in NRW. Das kann nicht die Chancengleichheit
sein, von der Rot-Grün immer spricht.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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