Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur katholischen Synode

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Nach der Synode zur Ehe und Familie übertönt
laute Kritik der Enttäuschten das erleichterte Durchatmen der
Realisten in Rom. Viele, die das Schlussdokument gelesen haben und
ihrer Kirche trotz aller Schwerfälligkeit im Umgang mit dem Wandel
der Zeit die Treue halten, erkennen einen echten Durchbruch. Mehr als
mit jedem anderen Beschluss in den vergangenen 50 Jahren gibt der
Vatikan Macht nach unten ab. In der Frage des Verhaltens gegenüber
wiederverheirateten Geschiedenen und auch gegenüber offen
homosexuellen Gläubigen gewähren die 270 Synodenväter den
Ortsbischöfen und deren Priestern erstmals Freiräume für die
Seelsorge vor Ort. Kein Diktat aus Rom, das ist das eigentlich Neue,
sondern das Gespräch des Ortspfarrers mit dem Gläubigen, der dies
wünscht und – kirchenferne Geister werden das nie verstehen – auch
schätzt. Es geht »nicht um ein Ja oder Nein« sondern um
Differenzierung, meint der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph
Schönborn. Und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz,
Kardinal Reinhard Marx, sagt: »Keine Lehre ohne die Pastoral.« Ein
Blick in die gar nicht so theologisch verbrämten Synodenbeschlüsse
überrascht mit einer weiteren Entdeckung: Selbstkritik und Ruf nach
Toleranz. Ja, die Synodalen von Rom ermahnen sich und ihre Kirche
daran, wiederverheiratete Geschiedene besser zu integrieren. Diese
sollen sich nicht ausgegrenzt fühlen. Ihre Kinder, egal aus welcher
Ehe, sollen an erster Stelle stehen. Wer sich eine völlig neue
Sexualmoral der katholischen Weltkirche erhofft hat, bleibt zurecht
enttäuscht zurück. Bitter. Dennoch bietet sich auch für Europas
liberalere Bischofskonferenzen Freiraum. Rom mahnt zum respektvollen
Umgang mit Menschen, deren sexuelle Orientierung nicht dem
kirchlichen Bild von Ehe und Familie entspricht. Das Thema wird
gestreift, viel mehr steht nicht drin im Schlussdokument – und das
ist vielleicht auch gut so. Die deutschsprachigen Kardinäle konnten
auch hier eine Lücke finden, Stichwort: Respekt. Mit dem
Nichtbeschluss geben sie sich allerdings auch der in vielen Erdteilen
herrschenden Homophobie geschlagen. Das ist schlimm und nur so
erklärbar: Man stelle sich eine Abstimmung der knapp 200
Mitgliedsländer der Vereinten Nationen über die gleiche Frage vor.
Sehr wahrscheinlich würde das Votum in New York kaum anders ausfallen
als in Rom. Bis zur weltweiten Akzeptanz von schwulen und lesbischen
Lebensformen ist es ein weiter Weg. Auch Deutschland hat ihn erst
1994 mit der Abschaffung des Paragrafen 175 eingeschlagen. Das letzte
Wort hat jetzt Papst Franziskus. Er darf die Familiensynode als einen
persönlichen Sieg betrachten. Keine innere Spaltung, kein Schisma und
kein Aufstand der Ewiggestrigen. Das sollte Franziskus zu weiteren
Reformen ermutigen.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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