Westfalen-Blatt: zu 70 Jahre NRW

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Sind Sie auch schon so in Feierlaune? 70 Jahre
NRW, das ist doch was! Nein? Seien wir ehrlich: Zu patriotischen
Hochgefühlen bietet der runde Geburtstag des Bindestrichlandes keinen
Anlass. Auch sieben Jahrzehnte haben es nicht vermocht, im
bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich immer noch stärksten
Bundesland so etwas wie eine gemeinsame Identität zu stiften.
Rekord-Ministerpräsident Johannes Rau hat es in seiner 20-jährigen
Amtszeit zumindest mit dem Slogan »Wir in NRW« einmal versucht.
Durchgesetzt hat sich ein Wir-Gefühl nicht.

Aber warum? Die Briten führten das nördliche Rheinland und
Westfalen 1946 mit der »Operation marriage« zusammen, weil sie das
Herz der deutschen Schwerindustrie, das Ruhrgebiet, nicht aufspalten
wollten. Und da der Pott nun mal zur Hälfte westfälisch, zur Hälfte
rheinisch ist, entstand Nordrhein-Westfalen. Gleichzeitig hoffte man
unter Einbeziehung ländlicher Regionen, die durchaus vorhandene
Angst vor einem kommunistisch dominierten Ruhrgebiet bannen zu
können. Es war also eine Zweckehe, und sie ist es in vielen Teilen
geblieben.

Der Westfale fühlt sich bis heute regelmäßig von »denen da in
Düsseldorf« benachteiligt, wenn es etwa um die Landesentwicklung und
die Verteilung von finanziellen Ressourcen geht. Und der Rheinländer
interessiert sich schlichtweg nicht für das, was jenseits des
Ruhrgebietes passiert. Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker hat
Westfalen sogar als »DDR von NRW« bezeichnet, weil bei der Gründung
des Bundeslandes »für Westfalen nix übrig blieb« – kein
Regierungssitz, keine Rundfunkanstalt, keine Zukunftsindustrie.

In derlei althergebrachten karnevalistischen Frotzeleien steckt
ein Fünkchen Wahrheit. Der lautsprecherische Rheinländer weiß sich
halt besser zu verkaufen als der zur Wortkargheit neigende Westfale –
auch noch im 21. Jahrhundert. Dabei sind es OWL, Sauer- und
Siegerland sowie das Münsterland, die wirtschaftlich
überdurchschnittlich stark sind. Während NRW insgesamt wegen des seit
Jahrzehnten im Strukturwandel feststeckenden Ruhrgebiets im
Ländervergleich bei der wirtschaftlichen Entwicklung blamabel
schlecht abschneidet, stehen die drei westfälischen Regionen dank des
kraftstrotzenden Mittelstandes richtig gut da. Erst in den
vergangenen Jahren hat man dies in den rheinischen Schaltzentralen
wahrgenommen.

Unter dem Strich bieten 70 Jahre NRW wenig Grund zum Feiern,
sollten jedoch Anlass zum Nachdenken geben. Denn das größte
Bundesland kann mehr, müsste eigentlich aufgrund seiner kulturellen
Vielfalt, seiner Wirtschaftskraft und Hochschullandschaft wie einst
zu Wirtschaftswunderzeiten Motor der Republik sein. Davon ist es
weit entfernt.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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