Westfalen-Blatt: zu Clintons Gesundheit

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Die »Oktober-Überraschung« dieser
Präsidentschaftswahlen kam bereits im September. Der Schwächeanfall
Hillary Clintons an Ground Zero wirbelt nun den amerikanischen
Wahlkampf gründlich durcheinander. Plötzlich geht es nicht mehr um
die unsägliche Bigotterie eines National-Chauvinisten, der Diktatoren
bewundert und mit Rassismus auf Stimmenfang geht, sondern um die
körperliche Fitness der 68-jährigen Clinton. In den USA gehört es zur
politischen Tradition, die Gesundheit der Kandidaten für das Weiße
Haus genauestens unter die Lupe zu nehmen. Deshalb veröffentlichen
Bewerber in der Regel ihre vollständigen Krankheitsakten. Für Clinton
rächt sich nun die Geheimniskrämerei, die sie um ihren
Gesundheitszustand betrieben hat. Dabei besteht ein berechtigtes
öffentliches Interesse daran zu erfahren, ob Clintons
Gehirnerschütterung mit Blutgerinnsel von 2012 nachhaltige Folgen
hatte. Sachlich aufklären ließen sich auch die beiden früheren
Thrombosen, die sie 1998 und 2009 erlitt. Statt den
Verschwörungstheorien frühzeitig das Wasser abzugraben, nährte
Clintons Team diese mit der fehlenden Transparenz. Die Kandidatin ist
wieder einmal selber ihre ärgste Gegnerin. Sie leidet nicht an einer
tödlichen Krankheit, sondern an krankhaftem Ehrgeiz, der keine
Schwäche zulässt. Dafür spricht die Fahrlässigkeit, mit einer
Lungenentzündung zu einer anstrengenden Veranstaltung zu gehen, statt
das Bett zu hüten. Das ist Wasser auf die Mühlen von Donald Trump,
der ihr scheinheilig »gute Besserung« wünscht. Tatsächlich wird der
Rechtspopulist in der heißen Phase des Wahlkampfs alles tun, die
Spekulationen über eine bedrohliche Krankheit der Gegenkandidatin
anzuheizen. Bei aller Schadenfreude muss Trump aufpassen, den Bogen
nicht zu überspannen. Schon jetzt sieht er sich dem Vorwurf
ausgesetzt, eine gehörige Portion Sexismus in den Wahlkampf zu
tragen. Frauen, so die kaum versteckte Unterstellung Trumps, seien
eben nicht stark genug für den Job im Weißen Haus. Dabei weiß die
Öffentlichkeit genauso wenig über Trumps Gesundheit. Der Liebhaber
frittierter Hühnerschenkel, fettiger Fritten und anderer
Fastfood-Delikatessen hat sich sein Attest von jemanden ausstellen
lassen, der so seriös wirkt wie die Doktoren am Hippie-Strand von
Venice, die für ein paar Dollar ein Attest für medizinisches
Marihuana verschreiben. Da beide Kandidaten im fortgeschrittenen
Lebensalter sind, sollten sie ihre Krankenakten vollständig der
Öffentlichkeit zugänglich machen und zu dem zurückkehren, worum es
wirklich geht: zu einem Wettstreit, wer die beste Qualifikation, das
solideste Urteilsvermögen und das passendste Temperament hat, um an
der Spitze der Supermacht zu stehen.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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