Westfalenpost: Andreas Thiemann zur Gedenkrede im Bundestag

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Doch, es war eine geschickte, eine kluge
Entscheidung der deutschen Politik, nicht selbst ans
(Haupt)-Rednerpult der erinnernden Vergangenheit zu treten. Ein
honoriger Historiker durfte sagen, was aus dem Munde von
Bundespräsident oder Bundeskanzlerin womöglich einen anderen
Zungenschlag, eine andere Gewichtung nach außen hätte bekommen
können. 70 Jahre nach Kriegsende hat sich das Ost-Westklima auf
einen Kältegrad heruntergefrostet, den man eigentlich für überwunden
geglaubt hatte. Aber Schlussstriche sind im historischen Kontext nur
allzu oft eine höchst trügerische Einschätzung und ihre Tragfähigkeit
wird immer ohne Garantieschein zugestellt. Im (schuldhaften) Lichte
der eigenen Vergangenheit muss sich gerade Deutschland mit besonderer
Nachhaltigkeit und gegenwärtig wohl auch unbeirrbarer Geduld in die
Pflicht nehmen lassen, Verantwortung am großen Ganzen übernehmen. Das
Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und die Wiedervereinigung 1989 sind
zwei Daten von dramatisch-epochaler Bedeutung. Sie bedingen einander
und stehen unter unterschiedlichen Vorzeichen für einen vollendeten
Befreiungsprozess. Das kann, das darf man nicht vergessen, wenn man
mit beiden Beinen im Hier und Jetzt stehen will. Dabei geht es nicht
um die immer wieder neue Weitergabe einer Schuld über die
Generationen hinweg. Aber das Wissen um diese Vergangenheit muss
förmlich zu einer Fackel der Verpflichtung werden: für Flüchtlinge
und Heimatvertriebene, gegen Rassismus und Antisemitismus. Und für
den unbedingten Willen, die Völkergemeinschaft in eine Zukunft zu
begleiten, in der Freiheit und Würde tatsächlich eingelöst sind.

Pressekontakt:
Westfalenpost
Redaktion

Telefon: 02331/9174160

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