BERLINER MORGENPOST: Die Lehre aus Contergan / Leitartikel von Philipp Neumann zu Fehlbildungen bei Babys

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Kurzform: Gerade wegen des Contergan-Skandals
finden die aktuellen Fälle von Fehlbildungen so große Aufmerksamkeit.
Gerade deshalb macht sich Misstrauen breit, wenn staatliche Stellen
erst einmal in Ruhe die Ursache für die Fehlbildungen finden wollen.
Dabei ist das systematische Zusammentragen aller Fakten das einzig
Sinnvolle – und dringend nötig.

Der vollständige Leitartikel: Wenn Erwachsene durch einen Unfall
einen Finger, eine Hand oder andere Gliedmaßen verlieren, ist das ein
Schock und oft mit großem Leid verbunden. Die Betroffenen müssen
lernen, mit der Behinderung zu leben. Sie müssen ihren Alltag oft
völlig neu organisieren. Auch für Eltern eines Säuglings muss es ein
Schock sein, wenn ihrem neugeborenen Kind eine Hand fehlt. So ist es
drei Elternpaaren ergangen, deren Nachwuchs in diesem Sommer in einem
Gelsenkirchener Krankenhaus zur Welt kam. Anders als bei einem
Unfall, bleibt aber die Frage nach dem Warum bisher unbeantwortet.
Wie kann es sein, dass ein Kind ohne Hand zur Welt kommt? Wie kann
das dreimal in einem Jahr im selben Krankenhaus auftreten? Diese
Fragen sind allzu berechtigt. Nachdem der Fall öffentlich geworden
ist, melden sich immer mehr Eltern aus anderen Teilen Deutschlands,
deren Kinder das gleiche Schicksal haben. In einigen Fällen deutet
sich eine sonderbare Häufung an wie in Gelsenkirchen. Ist das Zufall?
Oder gibt es einen Grund, den noch keiner kennt? Es werden
Erinnerungen wach an den Contergan-Skandal. Damals, Ende der 50er-
und zu Beginn der 60er-Jahre, löste ein Medikament mit diesem Namen
massenhaft Fehlbildungen bei Neugeborenen aus. Die Entdeckung des
Zusammenhangs dauerte mehrere Jahre, die juristische Aufarbeitung
sogar mehrere Jahrzehnte. Das Verhalten der Bundesregierung, der
Bundesländer und anderer staatlicher Stellen war damals alles andere
als vorbildlich. Diese Erfahrungen wirken nach. Gerade wegen des
Contergan-Skandals finden die aktuellen Fälle von Fehlbildungen so
große Aufmerksamkeit. Gerade deshalb macht sich Misstrauen breit,
wenn staatliche Stellen erst einmal in Ruhe die Ursache für die
Fehlbildungen finden wollen. Dabei ist das systematische
Zusammentragen aller Fakten das einzig Sinnvolle – und dringend
nötig. Wann und wo wurden Säuglinge ohne Hand geboren? Welche
Gemeinsamkeiten verbinden die Eltern? Das ist medizinische
Detektivarbeit, die die Mitarbeit aller verlangt: Die betroffenen
Eltern müssen sensible medizinische Daten ebenso herausgeben wie die
Kliniken. Behörden müssen sie zur Aufklärung sammeln dürfen. Anders
als vor 60 Jahren läuft diese Aufklärung schnell an. Binnen weniger
Tage will die Landesregierung in NRW einen Überblick über die
Fehlbildungen in dem Bundesland haben. Ärzte und Behörden können und
müssen nun zeigen, wie viel sie aus dem Contergan-Skandal gelernt
haben. Die medizinische Diagnose “angeborenes Fehlen der Hand” wird
seit vielen Jahren von den Kassen statistisch erfasst. Pro Jahr
werden in ganz Deutschland zwischen 40 und 70 Babys geboren, denen
eine Hand oder einzelne Finger fehlen. Die Zahlen sind für jede
Klinik verfügbar. Alle diese Fälle sind tragisch. Ob sie zu wenig
ausgewertet wurden und Ärzte zu wenig nach den Ursachen suchten, das
alles wird nun Thema werden. Was nicht hilft, sind wahllose Theorien
über den Grund der Fehlbildungen. Ist es die Handystrahlung? Ist es
das elektromagnetische Feld von modernen Induktionsherden? Diese
Theorien kursieren jetzt tatsächlich. Am Anfang des
Contergan-Skandals stand die Vermutung, der Test von Atomwaffen sei
schuld an den Fehlbildungen. Am Ende war es ein Medikament gegen
Übelkeit. Was auch nicht hilft, sind Gerüchte über angeblich immer
neue Fälle von Fehlbildungen oder privat geführte Tabellen und Listen
über Fälle, die unbeteiligte Hebammen nur vom Hörensagen kennen. All
das passiert aber gerade. Es bewirkt das genaue Gegenteil von
Aufklärung. Es schafft Verunsicherung, die niemandem hilft – am
wenigsten den betroffenen Eltern.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

Telefon: 030/887277 – 878
bmcvd@morgenpost.de

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