Mittelbayerische Zeitung: Frauen müssen entscheiden dürfen / Es ist richtig, dass in Deutschland Abtreibungen möglich sind. Die von Frauen hart erkämpfte Freiheit darf nicht durch die Hintertür wieder einkassiert werden.

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Frauen, die abtreiben, geht es besser. Zu
diesem Ergebnis kamen im Juni Forscher aus den USA. Sie hatten zwei
Jahre lang Frauen begleitet, die sich in Abtreibungskliniken über die
Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs informiert hatten. Die
Frauen, die sich für die Abtreibung entschieden hatten, litten
seltener an Angstzuständen als die, die das Kind unfreiwilligerweise
austrugen. Und: Sie waren gesundheitlich allgemein in besserer
Verfassung. In den 1970er Jahren begannen Frauen in Deutschland
damit, sich für ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch einzusetzen.
Dass heute Abtreibungen gesetzlich möglich sind, ist ihr Verdienst.
Doch es gibt Tendenzen, die eher wie eine Rolle rückwärts wirken als
wie ein Schritt nach vorne. Seit 2003 ist die Zahl der Arztpraxen und
Kliniken, die Abtreibungen im Bundesgebiet durchführen, um 40 Prozent
zurückgegangen. Viele Ärzte scheuen sich, Schwangerschaftsabbrüche
anzubieten, aus Angst vor militanten Abtreibungsgegnern, die vor
Praxen und Krankenhäusern demonstrieren und damit Mitarbeiter und
Patienten verschrecken. Natürlich ist es wichtig, ungeborenes Leben,
ein Wesen, das sich nicht verteidigen kann, zu schützen. Doch da ist
auch die werdende Mutter, die die schweren Momente einer
Schwangerschaft durchmachen muss, die das Kind unter Schmerzen zur
Welt bringen muss und die vor allem – bestenfalls gemeinsam mit dem
Vater – dafür sorgen muss, dass es dem Kind gut geht und es ein
würdevolles Leben führen kann. Die Entscheidung, ob sie der
Verantwortung für das Kind gewachsen ist, kann nur die Frau alleine
treffen. Aufgabe des Staates ist es, Unterstützung anzubieten. Es ist
gut, dass es Beratungsgespräche gibt, die Schwangeren, die abtreiben
wollen, die möglichen Langzeitfolgen ihres Handelns nahebringen. Es
ist gut, dass in solchen Gesprächen nach Lösungen gesucht wird, wie
ein Leben mit Kind doch zu schultern sein könnte. Aber der Druck, dem
sich abtreibungswillige Frauen in manchen Beratungsstellen ausgesetzt
sehen, ist ein Unding. Es geht nicht, dass Frauen in einer
Notsituation mit Fotos von Embryos weiter verunsichert werden. Eine
freie und offene Gesellschaft muss die Entscheidung der werdenden
Mutter respektieren. Ein Beispiel aus Argentinien zeigt, was
passiert, wenn radikale Überzeugungen gegen die Bedürfnisse einer
Schwangeren abgewogen werden. Ein 69-Jähriger hat dort eine
Elfjährige bei einer Vergewaltigung geschwängert. Das Kind entschied
sich mit seinen Eltern für die dem Mädchen per Gesetz zustehende
Abtreibung – nur gab es in der ganzen Provinz keinen Arzt, der die
Abtreibung durchführen wollte. Als das Mädchen in der 23. Woche war,
wurde das Baby per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt. Die
elfjährige Mutter überlebte die OP nur knapp – ihr Körper war nicht
reif für eine Schwangerschaft. Eine unbeteiligte Ärztin sagte später,
mit der Schwangerschaft sei das Mädchen regelrecht gefoltert worden.
Gebracht hat das alles nichts. Der Fötus starb. Im US-Bundesstaat
Alabama wurde im Mai das schärfste Abtreibungsgesetz der Vereinigten
Staaten verabschiedet, nicht einmal nach Vergewaltigungen ist es
Frauen dort noch möglich, eine Schwangerschaft zu beenden – 36 Jahre
nachdem der Oberste Gerichtshof Abtreibungen erlaubt hatte.
Zugegeben: Das sind extreme Beispiele. Doch sie zeigen, wohin es
führt, wenn die Moral über die – auch gesundheitlichen – Interessen
der Frauen gestellt wird. Niemand sollte sich anmaßen, über den Kopf
einer Schwangeren hinweg für sie zu entscheiden. Die Wahl, eine
Schwangerschaft austragen, aber auch beenden zu können, ist ein
Merkmal einer freien, frauenfreundlichen Gesellschaft. Daran zu
rütteln, ist rückschrittlich.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
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