Mittelbayerische Zeitung: Mehr Mut zum Mitgefühl / Von Katharina Kellner

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Menschen jüdischen Glaubens sitzen am Feiertag
Jom Kippur über Stunden angsterfüllt in einer Synagoge. Von draußen
tobt ihnen Hass entgegen. Ein schwer Bewaffneter versucht, die Tür
aufzuschießen. Einer Katastrophe entgehen die Besucher der Synagoge
nur, weil zufällig die Tür standhält. Das ist kein Szenario aus den
1930ern, sondern Realität in Deutschland im Jahr 2019. Das Attentat
kommt nicht überraschend. Dass Rechtsextreme und Neonazis gut
vernetzt sind und sich durch alltägliche Hassreden im Internet als
Teil einer starken, weltweiten Community fühlen, wissen wir. Die
Täter stellen selbstbewusst Videos ihrer Terrorläufe im Netz zur
Schau. So war es im neuseeländischen Christchurch und auch bei den
Morden des NSU in Deutschland. Solche Morde rufen weltweit Entsetzen
hervor. Dabei müsste uns schon lange der alltägliche Rassismus und
Antisemitismus in Deutschland empören. Immer wieder gibt es Ausfälle
– unter Bürgern ebenso wie in Polizei, Bundeswehr oder
Verfassungsschutz – oder Anschläge auf Geflüchtete und ihre
Unterkünfte. Der Staat setzt diesem Hass von Rechts zu wenig
entgegen. Erst langsam erkennen Politiker und Verfassungsschützer die
gewaltige Dimension des Terrors von Rechts. Mittlerweile konstatiert
auch Horst Seehofer, der selbst bis vor kurzem mit der Angst Politik
machte, den Zusammenhang von menschenfeindlichen Worten und Taten.
Jüdische und muslimische Mitbürger haben in der Vergangenheit immer
wieder geäußert, dass sie sich nicht sicher in Deutschland fühlen.
Sie werden zu wenig gehört – die Mehrheit der Menschen in Deutschland
hat keinen Migrationshintergrund und kennt deshalb rechtsextreme
Übergriffe oder Schmähungen nicht aus eigenem Erleben. Dabei greifen
diese Täter nichts weniger an als unsere Freiheit. Das deutsche
Grundgesetz sagt: Alle Menschen sind gleich, unabhängig von Nation,
Religion oder Hautfarbe. Wer das nicht respektiert, ist ein Feind der
Demokratie und stellt sich selbst ins Abseits. Eigentlich. In der
Realität des Jahres 2019 sitzen Menschenfeinde dort, wo
gesellschaftlicher Austausch stattfindet: in TV-Talkshows, im
Elternbeirat der Schule, auf dem Platz gegenüber in der Bahn. Für
viele ist es mittlerweile normal, dass AfD-Politiker bei jeder
Talkrunde mitmischen, als könnten ihre Ausfälle auf diese Weise
gezähmt werden. Das Gegenteil ist passiert: Die Grenze des Sagbaren
hat sich verschoben, Menschenfeindlichkeit kommt als Meinung daher.
Im Deutschland des 21. Jahrhunderts leben Menschen mit
unterschiedlichen Identitäten: manche sind nicht heterosexuell,
manche tragen ein Kopftuch, andere eine Kippa. Daran ist nichts
Bedrohliches. Die meisten dieser Menschen wollen nichts anderes als
das: friedlich in Deutschland leben und eine gute Zukunft für ihre
Kinder. Doch für erschreckend viele Menschen sind sie die
vermeintlich „Anderen“, denen man Negatives zuschreibt. Viele von
denen, die sich so äußern, fordern für sich selbst ein, als
Individuum wahrgenommen zu werden. Zugleich werten sie Asylbewerber,
Juden, Muslime, Sinti und Roma pauschal ab. Das verdient unbedingt
Widerspruch. Aus der Zeit des Nationalsozialismus wissen wir, dass
nicht das Morden am Anfang der Katastrophe stand, sondern die
pauschale Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger. Dass es nie mehr
soweit kommen kann, dafür sind wir alle verantwortlich. Wir sollten
entschieden Solidarität zeigen für Menschen, die im Visier der
Rechtsradikalen sind. Noch immer wird weniger mit ihnen gesprochen
als über sie – häufig klischeehaft. Das sollte die Konsequenz aus den
Taten von Halle sein, die die Rechtsradikalen ausbremst: Wenn wir
offen auf unsere jüdischen und muslimischen Nachbarn zugehen und ihre
Ängste ernst nehmen.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
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