Lausitzer Rundschau: Die Fallhöhe steigt enorm Martin Schulz ist SPD-Chef

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Der Schulz-Hype hält an. In der SPD, wie das
100-Prozent-Wahlergebnis auf dem Parteitag am Sonntag in Berlin
gezeigt hat. Und ausweislich der Umfragen auch außerhalb. Die
Verehrung grenzt schon ans Irrationale, doch gibt es dafür eine
rationale Erklärung: Es ist die Auflösung eines Vertrauensstaus. Die
SPD hatte sich mit den Reformen ihres letzten Kanzlers Gerhard
Schröder weit von jenem Wohlfühl-Sozialismus entfernt, den ihre
Wählerschaft seit Willy Brandt an ihr geschätzt und den ihre Basis
verinnerlicht hatte. Soziale Sicherheit rundum, bis hin zu dem, was
Altkanzler Helmut Kohl einst soziale Hängematte nannte. Eben zu viel
fördern und zu wenig fordern. Schröder hat das Verhältnis zwischen
diesen beiden Polen wieder in ein wirtschaftlich verträgliches
Gleichgewicht gebracht. Für Wähler und Basis freilich hat er die
alten Ideale verraten. Die SPD hat sich seit Schröders Abgang von
dieser Politik distanziert, anfangs verdruckst, in der jüngsten Zeit
immer offener. Zuletzt war die Bereitschaft vieler Anhänger, die SPD
doch noch einmal zu mögen, deutlich gestiegen, auch wegen des
Mindestlohns. Allein, es fehlte der Glaube, auch weil noch immer die
gleichen Leute da vorne saßen. Steinmeier und Steinbrück waren
Kanzlerkandidaten aus dem Agenda-Lager, Gabriel steht für die Große
Koalition. Diesen Vertrauensstau löst nun Martin Schulz auf. Dass
sich nach dem Brexit gerade eine proeuropäische Bewegung meldet,
hilft ihm ebenso wie das Erwachen der Bürger gegen die populistische
Gefahr. Vor allem aber gibt ihm seine persönliche
Kleine-Leute-Geschichte, die er bewusst immer wieder ausbreitet,
Glaubwürdigkeit. Und sein Image, nichts mit dem Berliner Betrieb und
schon gar nicht mit der SPD-Politik von früher zu tun zu haben.
Obwohl das natürlich objektiv nicht stimmt. Seit seinen
Korrekturvorschlägen beim Arbeitslosengeld I fühlt es sich für die
SPD so an, als habe auch sie im Luther-Jahr einen großen Reformer.
Dabei ist der Vorschlag bei Lichte besehen, nur ein Trostpflästerchen
für Agenda-Kritiker. Doch die SPD ist schulzbesoffen. Mit seiner Rede
am Sonntag und seiner einstimmigen Wahl als Parteichef und
Kanzlerkandidat hat Schulz den Hype noch weiter angeheizt. Freilich
steigt nun die Fallhöhe enorm. Was, wenn auch Schulz nur eine Große
Koalition erreicht? Schon verlangt die Parteilinke von ihm, diese
auszuschließen. Was ist, wenn er mit FDP und Grünen regieren muss,
was das zweitwahrscheinlichste ist? Viel Reformspielraum hätte er in
beiden Fällen selbst als Kanzler nicht. Der Schulz-Hype ist im Moment
nicht viel mehr als eine Projektion. Werden die übergroßen
Erwartungen nicht erfüllt, kann es schnell wieder zappenduster werden
bei den Sozialdemokraten.

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