Mittelbayerische Zeitung: Nichts begriffen/80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs erstarkt der Nationalismus/Leitartikel von Ulrich Krökel

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Lässt sich aus der Geschichte lernen? Die Frage
ist so uralt wie offen. “Theoretisch ja, praktisch nein”, lautet eine
Antwort, für die es ungezählte empirische Belege gibt. Da wären zum
Beispiel die fundamentalen Lehren, die sich aus der Vorgeschichte des
Zweiten Weltkriegs ziehen ließen, der faktisch schon mit dem
Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 eröffnet wurde. Direkt danach lief
die deutsche Kriegsmaschinerie an. 80 Jahre ist es in diesen Tagen
her, dass zwei Diktatoren und Massenmörder den Osten Europas mit ein
paar Strichen auf einer Landkarte untereinander aufteilten. Im Kreml
stieß man mit Sekt darauf an. Wenig später überfiel die deutsche
Wehrmacht Polen und eröffnete ihren Vernichtungsfeldzug gegen die
eigenen Nachbarn, in denen die Nazis allerdings nichts als slawische
Untermenschen sahen, was sie im Übrigen nicht davon abhielt, mit
Stalin zu paktieren. Die Sowjetarmee marschierte kurz darauf in ihre
“Einflusszone” ein, im Baltikum und in Ostpolen. Das historische
Urteil ist eindeutig. Im Spätsommer 1939 nahm nicht nur ein
einzigartiges Menschheitsverbrechen seinen Lauf. Das Geschehen kam
auch einer brutalen Vergewaltigung jedes Völkerrechts gleich. Und die
Moral von der Geschichte? Niemals wieder, so könnte man die zentrale
Lektion formulieren, dürfen stärkere Staaten in reiner Willkür über
das Schicksal schwächerer Nationen entscheiden. Macht darf niemals
vor Recht gehen, auch nicht zwischen den Völkern. Es ist ein klarer
und recht simpler Lehrsatz, der in der praktischen Politik des frühen
21. Jahrhunderts aber kaum eine Rolle spielt. Man erinnere sich nur
an den Einmarsch von US-Truppen im Irak im Frühjahr 2003, der mit
dreisten Lügen über Massenvernichtungswaffen legitimiert wurde. In
Wahrheit ging es auch nur am Rande darum, das diktatorische Regime
eines Saddam Hussein zu stürzen. In erster Linie ging es um die
Sicherung von Macht und Einfluss in der rohstoffreichen Region. Oder
man denke an Russland, das im Jahr 2014 nach einem offen
völkerrechtswidrigen Eroberungskrieg die ukrainische Krim annektierte
– ein Landraub wie aus dem Lehrbuch des Imperialismus. Schon lange
vorher hatten die Machthaber in Moskau die postsowjetischen Staaten
zum “nahen Ausland” erklärt und damit zur russischen Einflusszone.
Und dann wäre da noch das finstere Treiben des diktatorisch regierten
China, das in Hongkong, Tibet oder Taiwan die Rechte der Schwächeren
schlicht leugnet. Hinzu kommen weltweite Infrastrukturprojekte wie
die Neue Seidenstraße, mit denen sich das wirtschaftlich so rasant
erstarkte Reich der Mitte vor allem eines sichert: Macht und
Einfluss. Da will ein Donald Trump natürlich nicht zurückstehen. Dass
der Geschäftsmann im Weißen Haus, der den Dollarregen dem Bombenhagel
vorzieht, gern Grönland kaufen würde, ist weit mehr als absurdes
Theater. Dem US-Präsidenten ist es durchaus ernst mit seiner Idee,
sich die potenziell rohstoffreiche Region anzueignen, die dank des
von ihm selbst befeuerten Klimawandels zu einem neuen Eldorado werden
könnte. Die Autonomie der Ureinwohner ist Trump offensichtlich völlig
egal. Nicht zuletzt denke man aber auch an all die Orbans, Salvinis
und Johnsons in Europa, die darauf bestehen, dass der Nationalstaat
das einzig selig machende politische Konstrukt ist. Vor diesem
Hintergrund bleibt nur die bittere Erkenntnis, dass der
Multilateralismus, also der friedliche Interessenausgleich zwischen
Staaten, 80 Jahre nach dem “Teufelspakt” von Moskau dramatisch auf
dem Rückzug ist. Was wir aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts
theoretisch hätten lernen können, ignorieren wir in der Praxis. Wir
haben rein gar nichts begriffen.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
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