Mittelbayerische Zeitung: Wenn am Sonntag Wahl wäre … / Geht es nach den aktuellen Umfragen, wird Robert Habeck Kanzler. Doch die Meinungsforschung ist nicht so repräsentativ, wie viele denken. Leitartikel von Anna Jopp

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Wäre nächsten Sonntag Bundestagswahl, dann, das
berichten die Meinungsforschungsinstitute, würde ein Viertel der
Befragten sich für Bündnis 90/Die Grünen entscheiden. Deren Chef
Robert Habeck ist in den Umfragen beliebter als Angela Merkel und
wird als nächster Kanzler gehandelt. Ein Grund, die nachhaltig
produzierten Sektkorken knallen zu lassen, ist das aber noch nicht.
Denn politische Umfragen sind als Prognose tatsächlicher
Wahlergebnisse aus gleich mehreren Gründen überbewertet. Wie das
mahnende Beispiel Martin Schulz zeigt, ist der Wählerwille
wankelmütig. Ein neuer Kanzler wird im Normalfall alle vier Jahre
gewählt, die Sonntagsfrage hingegen wöchentlich gestellt. Letztere
lädt dazu ein, das aktuelle Tagesgeschehen zu kommentieren.
Schließlich krankt die Fragestellung an ihrer Hypothetik: Jedem ist
bewusst, dass nächste Woche nicht tatsächlich Bundestagswahl ist. Im
Gegensatz dazu ist das Kreuzchen in der Wahlkabine ein Resümee der
vergangenen und, im Idealfall darauf aufbauend, die Kombination aller
politischen Hoffnungen und Forderungen für die kommende
Legislaturperiode. Die unbedachte Aussage eines Abgeordneten, der
gefeierte Talkshow-Auftritt einer Ministerin können sich in den
aktuellen Umfragewerten widerspiegeln – und am Wahltag längst
vergessen sein. Als tendenzanzeigender Meinungsmonitor sind Umfragen
daher durchaus aufschlussreich, für die Vorhersage von Ergebnissen
jedoch höchstens mit schwindendem Abstand zum tatsächlichen Wahltag
einigermaßen zuverlässig. Tatsächliche Hochrechnungen erlauben
höchstens sogenannte „Exit Polls“, bei denen Menschen beim Verlassen
des Wahllokals gebeten werden, ihre tatsächliche Wahl zu
Umfragezwecken noch einmal zu wiederholen. Das zweite Problem:
Wahlumfragen suggerieren eine Sicherheit, die methodisch nicht
begründbar ist. Zwar weisen alle seriösen Institute die Rahmendaten
der Umfragenerhebung, etwa die exakte Fragestellung, die
Teilnehmerzahl und die Art der Datenerhebung, bei der
Veröffentlichung mit aus und man sollte annehmen, dass es in Zeiten
von Mobiltelefonen und Internet einfach ist, eine große Anzahl an
Bürgern zu befragen. Tatsächlich wird es jedoch immer schwieriger,
eine Stichprobe zu rekrutieren, die die tatsächliche
Bevölkerungsstruktur repräsentiert. Um eine gleichmäßige regionale
Verteilung der Antworten zu gewährleisten, verlassen sich die
Empiriker für ihre Befragungen gerne auf Telefoninterviews über den
Festnetzanschluss. Je nach Anrufzeitraum erreichen sie damit jedoch
vor allem diejenigen Mitglieder eines Haushalts, die tagsüber per
Festnetz zu erreichen sind. Auch jüngere Menschen, die oft nur noch
einen Handyanschluss besitzen, bleiben außen vor. Online-Fragebögen
schließen wiederum weniger computeraffine Wähler oder Analphabeten
von der Umfrage aus. Allgemein verleitet die Umfragesituation, da
weniger anonym als die eigentliche Wahl, zu sozial erwünschten
Antworten. Wer etwa umstrittene Optionen wie die AfD bevorzugt oder
eigentlich gar nicht vor hat zu wählen, gibt das am Telefon eventuell
nur ungern zu. Dass die Erhebungen „exakte“ Prozentzahlen liefern,
ist angesichts dieser Schwierigkeiten problematisch. Eine kleine
prozentuale Abweichung mag in der Umfrage unerheblich wirken, kann in
der Politik jedoch große Veränderungen bedeuten, etwa, wenn eine
Partei wider Erwarten die Fünfprozenthürde verfehlt. Methodologisch
ehrlicher wäre es vielleicht, wenn die Umfragen stattdessen ein
Intervall darstellten, in welches das Ergebnis der entsprechenden
Partei vermutlich fallen dürfte. Auch wenn Umfragen vor der Wahl also
oft als Tatsachen präsentiert werden: Wir als Wähler sollten uns von
Sonntagsfrage und Co. in unserer Wahlentscheidung nicht verrückt
machen lassen. Wichtiger als vage Voraussagen bleibt für die richtige
Entscheidung auch weiterhin eine aktive Auseinandersetzung mit den
Parteien und ihren Programmen.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
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