„nd.DerTag“: Mehr historische Bildung – nicht weniger Hitler. Kommentar zur Empfehlung der Kultusministerkonferenz

Die Kultusminister*innen haben eine bemerkenswerte Empfehlung herausgegeben. Angesichts der gegenwärtigen Kriege und Konflikte, etwa im Nahen Osten, sollen Schüler*innen stärker für deren historische Ursachen sensibilisiert werden. Dabei geht es um Themen wie gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, extreme Gewalttaten oder Flucht. Inhaltlich ist die Empfehlung ein Aufruf, bestehende Lücken in den Fächern Geschichte sowie Politik und Wirtschaft (PoWi) zu schließen. Zwar greifen bereits viele Lehrkräfte aktuelle geopolitische Konflikte im Unterricht auf und ordnen diese historisch ein. Dennoch ist die Empfehlung wichtig, weil sie einen klaren Appellcharakter besitzt.

Denn längst versucht die AfD, Einfluss auf die Unterrichtsgestaltung zu nehmen. Immer wieder diskreditiert sie Lehrkräfte, die auf Gefahren für die demokratische Ordnung durch den Rechtsextremismus hinweisen. Die Strategie der Partei ist dabei durchschaubar: Unter Verweis auf eine angebliche „Neutralitätspflicht“ versucht sie, Kritik an ihren Positionen zu delegitimieren und Lehrkräfte einzuschüchtern.

Dabei gilt für Schulen ein klarer Rahmen: Lehrkräfte dürfen Schüler*innen weder indoktrinieren noch politische Fragen einseitig darstellen – so sieht es der Beutelsbacher Konsens vor. Zugleich sollen sie die demokratischen Werte verteidigen – dafür brauchen sie, gerade in Zeiten von Populismus und Polarisierung, den Rückhalt von Schulbehörden und Ministerien.

In der Bildungspolitik nimmt die AfD selbst übrigens alles andere als eine neutrale Haltung ein: Auch sie möchte die Lehrpläne verändern. In Sachsen-Anhalt, wo sie perspektivisch Regierungsverantwortung übernehmen könnte, fordert sie „mehr Bismarck und weniger Hitler“ – historische Schwerpunkte, die kaum den Herausforderungen einer globalisierten Gegenwart entsprechen.

Zweifelsohne gehört die Nationalstaatsgründung zu den zentralen Themen des Geschichtsunterrichts. Problematisch wird es aber, wenn sie auf Kosten der kritischen Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazis aufgewertet wird. Ein solcher Ansatz droht historische Zusammenhänge zu verzerren und nationale Erzählungen zu überhöhen.

Gerade die Krisen der Gegenwart zeigen, wie wichtig historisches Wissen für politisches Verständnis ist. Schule sollte weder nationale Mythen pflegen noch historische Verantwortung relativieren, sondern Zusammenhänge vermitteln und Urteilskraft fördern – genau daran erinnert die Empfehlung der Kultusminister*innen.

Pressekontakt:

nd.DerTag / nd.DieWoche
Redaktion

Telefon: 030/2978-1722

Original-Content von: nd.DerTag / nd.DieWoche, übermittelt durch news aktuell