NRZ: Im Jubel sah niemand die Fehler der Wiedervereinigung. Auch heute wird wieder abfällig über die Menschen im Osten geredet – von MANFRED LACHNIET

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Der Jubel der Menschen in Ost und West. Die Freude über das Ende
der Mauer. Und dann die Zuversicht, dass die lange Teilung nun bald überwunden
werde. Solche Themen bestimmten in den letzten 29 Jahren die Erinnerung an den
9. November. Doch dieses Jahr trägt die Bewertung ganz andere Züge. Warum ist
das so? Vor allem wegen der vergangenen Landtagswahlen und dem Schock über die
hohen Stimmenanteile für die Rechtsradikalen. Besonders bei uns im Westen
dämmert die Einsicht, dass nach der Wiedervereinigung große Fehler gemacht
wurden. Zu Lasten vieler Menschen im Osten. Dass rund 80 Prozent der dortigen
Betriebe schon bald nach dem Mauerfall liquidiert wurden, interessierte in der
Goldgräberstimmung, die viele Westler erfasst hatte, nur am Rande. Der Osten war
in jener Zeit ein Paradies für Geschäftemacher, die die Neubürger oft für dumm
verkauften. Grundstücke und Firmen gingen für kleines Geld an neue
West-Eigentümer. Derweil machte man sich am Arbeitsplatz und auch in
TV-Sendungen über Trabbifahrer lustig und über Menschen, die zur ersten Banane
griffen. Würdevoll war das nicht. Und es ist klar, dass so viel Überheblichkeit
Spuren hinterlässt. Viele im Osten ärgert es sehr, dass ihre Leistungen nicht
gewürdigt werden. Aus diesem Unmut kochen die Radikalen nun ihr Süppchen. Sie
spinnen erfolgreich an dem Märchen, dass die Bundesregierung nicht anders agiere
als seinerzeit Honecker und Co. Besonders niederträchtig ist die Behauptung,
dass man in Deutschland nicht mehr seine Meinung sagen dürfe. Wie damals in der
DDR. Das ist eine üble Lüge. Denn während hier jeder Mensch alles mögliche sagen
und schreiben kann (gerade das Internet ist voll davon), gab es in der DDR
Bespitzelung, Folter, Tod oder Gefängnis für die angeblichen Feinde des
Arbeiter- und Bauernstaats. Daran muss immer wieder erinnert werden. Und es ist
bemerkenswert, dass gerade die Radikalen im Osten das nicht gern hören wollen.
30 Jahre nach dem Mauerfall ist es mit dem gegenseitigen Verstehen nicht weit
her. Zumal es nach den letzten Wahlen erneut eine abfällige Haltung gegenüber
“dem Osten” gibt, obwohl ja längst nicht alle radikal gewählt haben. Zugleich
erinnern wir am 9. November nicht nur an die Mauer, sondern auch an die
Revolution von 1919, die nach dem Ersten Weltkrieg ein blutiges Ende nahm. Zudem
denken wir an den 9.11. 1938, als Synagogen brannten und die Nazis Juden aus den
Häusern trieben. Zu lange glaubten wir, dass die Wiedervereinigung die
Gespenster der Vergangenheit begraben hätte. Es ist nicht so. Wer hätte beim
Jubel vor 30 Jahren geglaubt, dass nun Antisemitismus im Unterricht behandelt
werden muss?

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