Aachener Nachrichten: Kommentar: Unnötige Machtdemonstration im Hambacher Forst / von Marco Rose

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Warum für ein paar Bäume kämpfen, die ohnehin dem
Untergang geweiht scheinen? Die Frage stellt sich angesichts des
Streits um den Hambacher Forst immer wieder. Die Antwort ist denkbar
simpel: Weil sie ein Symbol sind. Ein Symbol für eine heile, vom
Menschen weitgehend unbehelligte Natur, die es in Deutschland
freilich nicht mehr gibt. Und mehr noch ein Symbol für die
Sinnlosigkeit des Festhaltens an der Kohle – eines Energieträgers,
von dem jeder weiß, wie schädlich er ist. Deshalb kann der Kampf um
den Wald niemanden kalt lassen. Dort wird nicht nur die Heimat
Quadratmeter um Quadratmeter verheizt, dort geht es auch um Menschen,
die nun in einen sinnlosen und möglicherweise gefährlichen Konflikt
gezwungen werden – für beide Seiten. Mit einem unglaublichen Aufwand
setzt der Staat in diesen Tagen die Interessen von RWE durch. Dieser
Konzern ist keine gemeinnützige Organisation, auch wenn er zu
beträchtlichen Teilen in kommunaler Hand ist. Ausbaden müssen diese
Strategie einerseits Polizeibeamte, die sicher Besseres zu tun haben,
als sich ein Katz- und Mausspiel mit Baumbesetzern zu liefern.

Andererseits darf man letztere nicht pauschal als „gefährliche
Linksextremisten“ brandmarken, wie es Herbert Reul (CDU) getan hat.
Mit seinem Vorgehen hat der NRW-Innenminister zuletzt unnötig Öl ins
Feuer gegossen. Vielleicht sollte sich Reul einmal selbst in den Wald
bequemen. Wer dort mit den jungen Aktivisten spricht, der trifft
überwiegend auf offene, freundliche und friedfertige Idealisten, die
dem Kampf für die Umwelt einen beträchtlichen Teil ihres Lebens
opfern. Das muss man nicht immer nachvollziehen können.
Bewundernswert ist so viel Idealismus aber in jedem Fall. Schließlich
ist ziviler Ungehorsam per se kein Verbrechen. Sollte der „Hambi“ nun
tatsächlich extremistische Krawalltouristen anlocken, dann hat die
Landesregierung dazu maßgeblich beigetragen. Denn der Konflikt wird
auf Betreiben von RWE immer weiter auf die Spitze getrieben. Formal
mag der Konzern im Recht sein. Es ist allerdings verlogen, in der
Kohlekommission über den Ausstieg zu verhandeln, um diesen dann zu
hintertreiben, indem noch schnell Fakten geschaffen werden.

Um es deutlich zu sagen: Die Kohle, die in den Gesteinsschichten
unter diesen alten Bäumen schlummert, braucht mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit niemand mehr. Die Kraftwerke könnten
auch ohne weiteren Ausbau von Hambach noch jahrelang befeuert werden.
Und je schneller Deutschland ohne Braunkohle auskommt, desto besser.
Wer an dieser Stelle mit gegenteiligen Expertenmeinungen aufwartet,
der sollte einmal hinterfragen, von wem diese Wissenschaftler
abhängig sind. Abhängigkeit ist ohnehin ein Schlüssel in diesem
Konflikt. Immens wichtig wird es nämlich sein, die Menschen im
Braunkohlenrevier mitzunehmen. Fakt ist: Der Strukturwandel ist nicht
aufzuhalten. Dieses Land hat aber die Mittel, den Prozess so zu
gestalten, dass es nicht zu sozialen Verwerfungen kommt. Panikmache
angesichts des absehbaren Endes der Kohle ist daher völlig
kontraproduktiv. Sie dient nur dem Zweck, die Menschen in der Region
gegeneinander auszuspielen.

Pressekontakt:
Aachener Nachrichten
Redaktion Aachener Nachrichten
Telefon: 0241 5101-388
an-blattmacher@zeitungsverlag-aachen.de

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