Mittelbayerische Zeitung: Macht es Freiern schwer! / Politikerinnen querbeet tun sich für ein Sexkaufverbot nach dem Vorbild Schwedens zusammen. Höchste Zeit. Von Marianne Sperb

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Sie werden belogen, betrogen, bedroht und verkauft:
Zigtausende Frauen bieten in Deutschland ihren Körper für Sex an. Ein Großteil
kommt aus Ost- und Südosteuropa, aus Moldawien, Rumänien, Ungarn und Bulgarien.
Ostbayern mit seinem Grenzgebiet ist ein Brennpunkt im Handel mit Menschen. Eine
neue Initiative gibt der alten Forderung, Sexkauf zu bestrafen, wieder Schub –
mit Aussicht auf Erfolg. Höchste Zeit! Mitte Oktober, kurz vor dem Europäischen
Tag gegen Menschenhandel, startete ein parlamentarischer Arbeitskreis zu
Prostitution. Eine SPD-Abgeordnete hat die Initiative angestoßen, unterstützt
wird sie aber von Politikerinnen querbeet, auch aus CDU und CSU. Die Frauen
kämpfen für das nordische Modell, wie es Schweden und neuerdings auch Frankreich
praktizieren. Es entkriminalisiert Prostituierte und es verfolgt Freier, die
empfindliche Strafen und den Verlust ihres privaten und beruflichen Status
riskieren. Deutschland geht seit knapp 20 Jahren einen anderen Weg, das Prinzip:
legalisieren statt bestrafen. Das 2002 erlassene Prostituiertengesetz sollte
Frauen im Rotlicht-Milieu aus der Anonymität holen, ihnen mehr Rechte und mehr
Schutz geben. Prostitution galt nicht länger als sittenwidrig, Sexarbeiterinnen
erhielten Zugang zu Sozial- und Krankenversicherung und die Handhabe,
Freier-Honorare einzuklagen. Das Gesetz war gut gemeint und ist grandios
gescheitert. Bei den Sozialversicherungen waren 2018 bundesweit nur 76 der
geschätzt 200 000 Prostituierten gemeldet. Deutschland besserte nach. 2017 trat
das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Die Auflagen machen es
Bordell-Betreibern schwerer, eine Erlaubnis zu erhalten. Bordelle müssen
Mindeststandards erfüllen, Frauen gemeldet sein und zur Gesundheitsberatung
gehen. Die Effekte stehen erst 2022 zur Evaluierung an, aber es zeichnet sich
ab: Nur ein paar Prozent der Frauen wurden aus dem Dunkelfeld geholt. Sechs
Monate nach Inkrafttreten waren zum Beispiel in Leipzig nur 47 von geschätzt
3600 Prostituierten gemeldet. Damit hat Deutschland nach wie vor ein Gesetz zum
Schutz von Prostitution – aber nicht zum Schutz von Prostituierten. Dabei
belegen Studien: Menschenhandel findet mit großem Abstand vor allem dort statt,
wo Prostitution legal ist. Das nordische Modell trifft auf Widerstand querbeet.
Grüne und Linke, Amnesty International oder Aids-Hilfe warnen, das Verbot treibe
Frauen in die Illegalität und mache sie weniger erreichbar. Zum harten Kern der
Kritiker gehören auch Sexworkerinnen. Sie pochen auf Selbstbestimmung und freie
Berufswahl, fürchten Verdienstausfall und berufen sich darauf, sie machten ihre
Arbeit freiwillig und gern. Das ist ungefähr so überzeugend wie die Beteuerung
eines Junkies, er spritze freiwillig und gern Heroin. Nebenbei: Prostitution
geht häufig Hand in Hand mit Alkohol- und Drogensucht. Die Masche, mit der
Frauen nach Deutschland in die Sklaverei gelockt werden: In Ländern, in denen
der Durchschnittsverdienst bei ein paar tausend Euro im Jahr liegt, erzählen
Händler den Opfern von hervorragenden Verdienstchancen, nennen ihnen 9,19 Euro
Mindeststundenlohn – und nehmen ihnen in den Bussen ins “Paradies” Pässe und
Telefone ab, bevor sie sie zum Dienst an Freiern schicken. Der
“Paradise-Prozess” in Stuttgart legte 2019 die brutalen Praktiken offen, die in
ganz legalen Bordellen herrschen. Ein Verbot wird Prostitution nicht zum
Verschwinden bringen. Aber es wird Zuhältern und Schleppern schwerer gemacht,
Frauen zu belügen, zu betrügen, zu bedrohen und zu verkaufen. Das zählt.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
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