Mittelbayerische Zeitung: Putins gefährlicher Geheimplan / Wenn nicht alles täuscht, setzt der Kremlchef auf eine kontrollierte militärische Offensive im Osten Europas.

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Wladimir Putin hält wenig davon, der
Öffentlichkeit allzu tiefe Einblicke in sein Privatleben zu geben. Am
vergangenen Wochenende zeigte sich der russische Präsident bei einem
Besuch in seiner Heimatstadt Sankt Petersburg nun aber von einer sehr
persönlichen Seite. Am Grab seines Bruders Viktor legte er Blumen
nieder und betonte den „Schmerz seiner Familie“, den er mit der
Blockade Leningrads durch die Wehrmacht verbinde. Putin war gekommen,
um an das Leid der Menschen in der Newa-Metropole zu erinnern. Mehr
als eine Million zivile Todesopfer forderte die Blockade, die vor 75
Jahren endete. Die meisten von ihnen verhungerten. Auch Putins
älterer Bruder starb damals, mit nur drei Jahren. Es wäre sicher zu
viel gesagt, wollte man behaupten, dass diese Geschichte die Politik
des russischen Präsidenten wesentlich mit bestimmt. Aber sie schwingt
doch gelegentlich mit in dem, was Putin sagt, etwa in seiner
Neujahrsansprache: „Wir hatten nie Helfer und wir werden sie auch nie
haben.“ Russland und die Sowjetunion, sollte das (auch) heißen,
wurden nicht von den Nazis befreit. Sie haben sich selbst befreit,
unter gigantischen Opfern, Schmerzen und Leid. Genau dies sollte
stets bedenken, wer nach Putins politischen Plänen fragt: Arbeitet
der Kremlchef an der Restauration des russisch-sowjetischen
Imperiums, oder glaubt er wirklich an die behauptete Gefahr einer
westlichen Einkreisung? Sicher ist, dass sich Moskau und der Westen
seit der Eskalation der Ukraine-Krise 2014 und der russischen
Annexion der Krim gegenseitig vorwerfen, die Spannungen in der Region
bewusst zu erhöhen. Zugleich behaupten beide Seiten, lediglich zum
eigenen Schutz zu handeln. So hat die Nato noch 2014 eine sogenannte
Speerspitze eingerichtet, die einen russischen Angriff auf die
baltischen Staaten oder Polen binnen 48 Stunden beantworten soll. Die
schnelle Eingreiftruppe mit ihren 5000 Soldaten ist das sichtbarste
Zeichen, dass die westliche Staatengemeinschaft die Gefahr eines
militärischen Ausgreifens Russlands im Osten Europas für real hält.
Putin kontert: „Wir halten nur die Balance. Wir sorgen für unsere
Sicherheit.“ Die klassische Sandkastenfrage, wer angefangen hat,
führt bei alldem nicht weiter. Mit ein wenig Distanz lässt sich kaum
bestreiten, dass sich Russland durch die Nato-Präsenz im Osten
Europas ernsthaft bedroht fühlen dürfte. Die Geschichte des deutschen
Überfalls von 1941, aber auch die Erfahrungen des Kalten Krieges sind
noch viel zu frisch. Ebenso klar sein sollte aber, dass sich die
Menschen im Baltikum, in Polen oder der Ukraine, die über
Jahrhunderte hinweg russischen Aggressionen ausgeliefert waren, Angst
vor dem Riesenreich in der Nachbarschaft haben. Wegweisender dürfte
deshalb die Frage sein: Welche Strategie verfolgt Putin in der
Region? Manches spricht dafür, dass der Kremlchef 2019 auf eine
kon-trollierte Offensive setzen wird. Putin weist immer wieder darauf
hin, dass sich nach dem Ende des Kalten Kriegs „über Nacht 25
Millionen Russen im Ausland wiederfanden“. Viele dieser Menschen
leben bis heute in ehemaligen Sowjetrepubliken wie Georgien, der
Ukraine, den baltischen Staaten oder Weißrussland. Der Kreml leitet
daraus eine besondere Verantwortung für die Region ab, die in Moskau
gern als „nahes Ausland“ bezeichnet und als geopolitische
Einflusszone betrachtet wird. Wohin das im äußersten Fall führen
kann, hat die Annexion der Krim gezeigt. Folgen 2019 weitere
expansive Schritte? Der kremlkritische Journalist Andrej Gurkow sagt:
„Putins sinkende Umfragewerte und die wirtschaftlichen Probleme des
Landes könnten ihn in diesem Jahr zu neuen außenpolitischen oder
militärischen Abenteuern verleiten.“ Dabei ist kaum davon auszugehen,
dass der kühl kalkulierende Kremlchef im Baltikum die Speerspitze der
Nato testen lässt. Die Ukraine und das ökonomisch vollkommen
abhängige Weißrussland könnte Putin aber durchaus ins Visier nehmen.

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