Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu den Anschlägen in Teheran

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Woran misst man die Tragweite eines
Terroranschlags? An der Zahl der unschuldigen Toten und Verwundeten?
An der dahinter stehenden logistischen »Leistung«? Nimmt man die
Symbolkraft der Ziele – das Parlament, Khomeinis Mausoleum – und die
politischen Wirkungen als Richtschnur, so hat der Terror des
»Islamischen Staates« mit den beiden Anschlägen in Teheran eine neue
Stufe erreicht. Bislang sahen die USA und – in abgeschwächter Form –
der gesamte Westen im Iran vor allem den Finanzier der Dschihadisten,
also jener selbst ernannten Gotteskrieger, die den Staat Israel
beseitigen wollen. George W. Bushs Wort von der »Achse des Bösen« ist
noch in Erinnerung. Nun ist der Iran selbst in der Rolle des Opfers.
Selbst der für seine Brutalität berüchtigte Geheimdienst der Perser
konnte die Anschläge offenbar nicht verhindern. Das wird
innenpolitisch einen Schock auslösen, dessen Folgen schwer
abzuschätzen sind. Die alte Geistlichkeit wird versuchen, die
Anschläge als Schwäche des wiedergewählten, relativ liberalen
Präsidenten Hassan Rohani auszulegen. In der gesamten Region aber ist
zu fürchten, dass die alte Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten
wieder voll ausbricht. Ohnehin haben der Besuch des US-Präsidenten
Donald Trump und der von ihm eingefädelte Verkauf schwerer Waffen
nach Saudi-Arabien das Feuer nah an die Lunte zum Pulverfass
Mittlerer Osten gelegt. Wie labil der scheinbare Frieden auf der
Arabischen Halbinsel ist, zeigte sich schon vor den Anschlägen an den
Auseinandersetzungen um Katar. Es steht zu befürchten, dass die
Hardliner in Teheran nun Rache an den Hintermännern der
Terroranschläge fordern. Ihr Zorn richtet sich wohl gegen den
»Islamischen Staat«, aber mindestens genauso gegen das saudische
Königreich. »Denkt ihr wirklich, wir werden einfach verschwinden?«
soll einer der Attentäter einem iranischen Abgeordneten zugerufen
haben, bevor er starb. Nein, der Terror wird nicht einfach
verschwinden. Je mehr der IS in seiner Hochburg in Bedrängnis gerät,
desto größer ist zumindest vorübergehend die Gefahr weiterer
Anschläge außerhalb des Nahen Ostens. Deshalb sollte man tunlichst
nicht neue Feuer entzünden, wie es Trump möglicherweise unwissentlich
getan hat. Vor einem halben Jahr hat der damalige deutsche
Außenminister Frank-Walter Steinmeier die meisten Kriegsparteien in
Syrien und neben Russland und der Türkei auch den Iran dafür
gewonnen, die Gegensätze hintanzustellen und in Kasachstan wenigstens
miteinander zu reden. Welche Leistung dies war, wird manchem erst
jetzt klar. Doch leider ist es im Nahen und Mittleren Osten viel
leichter, Brücken einzureißen, als über sie zu gehen. Dass darunter
auch die deutsche Wirtschaft leidet, ist eine, obgleich sicher nicht
die schlimmste, Folge des Terrors.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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