Aachener Nachrichten: Image statt Inhalt? -Vor dem Fernsehduell Merkel gegen Schulz; ein Kommentar von Joachim Zinsen

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Du hast keine Chance, also nutze sie! Der alte
Sponti-Spruch dürfte am Sonntag auch für Martin Schulz gelten. Denn
vor seinem Fernsehduell mit Angela Merkel hat sich ein großer Teil
der Medien bereits festgelegt: Der SPD-Herausforderer wird gegen die
Kanzlerin bei der Bundestagswahl keine Chance haben. Seit Wochen
malen sie beständig am Bild vom Verlierer Schulz und von einer
souveränen Merkel. Nichts aber ist schwerer, als ein verfestigtes
Image wieder abzustreifen. Dabei kommt das Format eines TV-Duells
Schulz eigentlich entgegen: Er ist eloquent, schlagfertig und
bürgernah, kann, um es überspitzt zu formulieren, notfalls sogar
einen hungrigen Hund von einem Wurstlaster herunterquatschen. Das
alles sind Eigenschaften, die Merkel weitgehend fehlen. Deshalb hat
die Entourage der Kanzlerin auch Himmel und Hölle in Bewegung
gesetzt, um dem Fernsehduell einen Rahmen zu geben, der möglichst
wenig Platz für Spontaneität und für eine direkte Konfrontation der
Kandidaten lässt. Die richtigen Themen Auch setzt Schulz in seiner
Kampagne durchaus auf die richtigen Themen. Der Lohnverfall in vielen
Branchen, die drohende Altersarmut für Millionen Ruheständler, der
gewaltige Investitionsstau in Deutschland – das alles sind keine zu
Wahlkampfzwecken aufgeblasene Hirngespinste, sondern real
existierende Probleme. Gut: Teile der Antworten von Schulz auf diese
Missstände klingen zaghaft und mutlos. Eine grundlegende Abkehr vom
alten, für die Sozialdemokratie so verheerenden Agenda-Denken, sind
sie nicht. Das ist sicherlich eine seiner Schwächen. Doch im
Gegensatz zu Merkel setzt Schulz sich zumindest mit Problemen
auseinander und bietet Lösungsvorschläge an. Aber zählt das überhaupt
noch? Schlägt in diesem Jahr nicht ein Trend vollends durch, der sich
bereits seit langem abzeichnet? Geht es in diesem Wahlkampf überhaupt
noch um bessere Konzepte und zündende Ideen? Oder sind Sachthemen
längst in den Hintergrund gerückt? Entscheidet letztlich allein das
Image von Personen und Parteien? Die Kunst des Umdeutens In der
Imagepolitik ist Angela Merkel jedenfalls nahezu perfekt. Ihre
Marketing-Leuten haben es geschafft, das häufig zu beobachtende
Zögern und Zaudern der Kanzlerin als Ruhe und Gelassenheit
umzudeuten. Ihnen ist es gelungen, Merkels fehlende gesellschaftliche
Visionen und ihre manchmal abrupten politischen Wenden den Wählern
als höchste Form des Pragmatismus zu verkaufen. Sie haben das
Kunststück fertiggebracht, der äußerst machtbewussten und im Umgang
mit Kontrahenten wenig zimperlichen CDU-Chefin in der Öffentlichkeit
das Image einer treu sorgenden Mutti zu geben, die sich um alles und
jeden kümmert. Um noch eine Chance zu haben, muss Schulz deshalb am
Sonntag nicht nur versuchen, mit seinen Sachthemen zu punkten. Ihm
muss es vor allem gelingen, die Wähler hinter Merkels Fassade blicken
zu lassen. Doch selbst wenn Schulz das schaffen sollte und er für die
meisten Zuschauer als gefühlter Sieger aus dem einzigen direkten
Duell dieses Wahlkampfes hervorgeht, wäre das für den SPD-Mann nur
die halbe Miete. Denn mindestens genauso entscheidend für die
mittelfristige politische Wirkung des Fernsehabends wird sein, wie
die meisten Medien die Auseinandersetzung bewerten. Die große Frage
dabei ist: Geben viele von ihnen Schulz überhaupt noch eine Chance?
Sind sie bereit, ihre bisherige Rollenzuweisung für den 24. September
in Frage zu stellen?

Pressekontakt:
Aachener Nachrichten
Redaktion Aachener Nachrichten
Telefon: 0241 5101-388
an-blattmacher@zeitungsverlag-aachen.de

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