BERLINER MORGENPOST: Die ungerechte Bildung / Leitartikel von Birgitta Stauber zu Pisa

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Kurzform: Das ist der eigentliche Skandal, der aus der
Pisa-Studie hervorgeht: Nach wie vor hängt der Bildungserfolg von der sozialen
Herkunft ab. Der Trend hat sich sogar leicht verstärkt, und zwar obwohl nahezu
mantraartig die OECD seit Jahren mahnt, Deutschland müsse mehr für die
Bildungsgerechtigkeit tun. Natürlich gibt es Bemühungen, diesen Kindern zu
helfen. Doch groß angekündigte Aktionen, mit denen Bildungsgerechtigkeit
erreicht werden soll, verpuffen in der Realität. Es ist wie in so vielen
Bereichen der Politik: Gibt es keine Lobby, passiert auch nichts.

Der vollständige Leitartikel: Teenager, die wie Profis musizieren und tanzen,
die moderieren wie Showstars oder ihre eigenen Kunstausstellungen haben: Gerade
jetzt in der Vorweihnachtszeit öffnen Schulen ihre Türen und zeigen, was ihre
Kinder draufhaben. Da können Eltern schon feuchte Augen bekommen. Vielleicht
träumen sie schon von einer Künstlerkarriere des Nachwuchses. Gleichzeitig nimmt
der talentierte Sprössling an der Matheolympiade teil, macht in der 10. Klasse
ein Auslandsjahr und lernt neben Englisch auch noch Französisch und Spanisch. Es
müssen keine Privatschulen sein, die diese Bildungskarriere ermöglichen. Auch an
öffentlichen Gymnasien oder Grundschulen mit engagierten Lehrern ist eine Menge
möglich – und auch üblich. Wenn Schulen zudem auf Eltern setzen, die alles darum
geben, dass ihr Kind einen ordentlichen Bildungsweg hinlegt, kann eigentlich
nicht mehr viel schiefgehen. Doch wehe, ein Kind hat Schwierigkeiten, und es ist
keiner da, der zu Hause lesen übt. Zum Beispiel, weil Eltern selbst wenig aus
der Schulzeit mitgenommen haben und kaum in der Lage sind, den Sinn von
komplexeren Texten zu erfassen. Oder weil die Verhältnisse so zerrüttet sind,
dass sich niemand zuständig fühlt für die Schulkarriere des Kindes. Natürlich
spielen in Einwandererfamilien die Deutschkenntnisse der Eltern eine Rolle. Pech
gehabt, muss man kurzerhand diesen Kindern sagen. Denn das zeigt die aktuelle
Pisa-Studie wieder einmal: Wer nicht unterstützt wird vom Elternhaus, hat es
schwer. Das ist der eigentliche Skandal, der aus der Pisa-Studie hervorgeht:
Nach wie vor hängt der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft ab. Der Trend
hat sich sogar leicht verstärkt, und zwar obwohl nahezu mantraartig die OECD
seit Jahren mahnt, Deutschland müsse mehr für die Bildungsgerechtigkeit tun. Die
Folge dieser größten Schwäche im Bildungswesen: Viel zu viele Schüler in
Deutschland schaffen noch nicht mal einen ordentlichen Schulabschluss. In Berlin
etwa sind es fast zwölf Prozent eines Jahrgangs, die einfach durch den
Bildungsrost fallen. Pro Grundschulklasse sind es also mehr als zwei Kinder.
Darüber hinaus hat jedes fünfte Kind – 20 Prozent – große Mühe, den Anschluss an
die Arbeitswelt zu finden, sagen Bildungsforscher. Natürlich gibt es Bemühungen,
diesen Kindern zu helfen. Doch groß angekündigte Aktionen, mit denen
Bildungsgerechtigkeit erreicht werden soll, verpuffen in der Realität. Wie etwa
soll ein Kind, das echte Schulprobleme hat, mit 15 Euro monatlich durch das
sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket den Anschluss finden? Lässt sich damit
wirklich der Sportverein finanzieren? Der größte Fehler ist zudem: Es
funktioniert – wie die Schule – nur, wenn die Eltern sich engagieren (können).
Wenn es aber Eltern nicht schaffen, morgens mit ihren Kindern überhaupt
aufzustehen – wie sollen sie dann mit einem Behördenmonster klarkommen?
Zugegeben: Es ist schwer in Deutschland, die Balance zu finden. Engagierte
Eltern lassen sich ungern reinreden. Viel mehr Eltern als in den Nachbarländern
mögen auch den Zwang zur Ganztagsschule nicht; sie haben auch gern die Kontrolle
über den Schulweg, den Inhalt des Ranzens, das Mittagessen und nicht zuletzt
über den Fortschritt bei der Entwicklung der Rechtschreibung. Das Bildungswesen
passt sich diesem Elternwillen perfekt an. Und die meisten Eltern sind höchst
erfolgreiche Lobbyisten ihrer Kinder. So gesehen ist es logisch, dass sozial
schwache Kinder so oft den Anschluss verpassen – es ist wie in so vielen
Bereichen der Politik: Gibt es keine Lobby, passiert auch nichts.

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