BERLINER MORGENPOST: Erster Schritt zu mehr Ehrlichkeit Thomas Vitzthumüber die Einigung zur Finanzierung zusätzlicher Studienplätze

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Studieren, das schließt längst den Kampf um Jobs
und oft um Wohnraum ein. In Berlin sind auch in zehn bis 15 Jahren
keine zurückgehenden Studentenzahlen zu erwarten. Der Ankündigung des
Senats, 5000 neue Wohnheimplätze in Berlin zu schaffen, müssen
deshalb schnell Taten folgen. Lehrmittel und Personal, die aus dem
Hochschulpakt finanziert werden, sind das eine, adäquate Studien- und
Lebensbedingungen das andere. Beides gehört zusammen. Die überfällige
Einigung von Bund und Ländern auf einen neuen Hochschulpakt ist
deshalb nur ein erster Schritt. Schon Ende des Jahres hätte der
bisherige seine Funktion nicht mehr erfüllen können. Das Geld wäre
aufgebraucht gewesen. Die Folge: keine neuen Studienplätze mehr.

Dieses Szenario ist nicht erst seit Kurzem offensichtlich. Seit
Jahren steigen die Studentenzahlen, mehr als 50 Prozent eines
Jahrgangs studieren, dazu kommen immer mehr ausländische Studenten,
die Deutschland erfolgreich anwirbt. Nun wird der Pakt aufgestockt,
bis 2015 um mehr als vier Milliarden Euro. Die bisherige Deckelung
war immer schon absurd. Deutschland kann es sich nicht erlauben, auf
einen einzigen Ausbildungswilligen zu verzichten. Die werden zwar
mittelfristig zahlreicher, langfristig sinken die Studentenzahlen
wegen der demografischen Entwicklung. Aber eben nicht in den
Stadtstaaten wie Berlin: Deshalb ist es mit dem Hochschulpakt nicht
getan. Ein Studienplatz ist ehrlicherweise noch keine Mensaplatz,
kein Wohnheimplatz, kein zusätzlicher Stuhl im Seminarraum. Deshalb
ist es bedauerlich, dass die Bafög-Reform fürs erste vertagt wurde.
Sie muss kommen.

Ehrlichkeit ist auch im Hinblick auf die Art der nötigen
Studienplätze gefragt. Die Erfahrung lehrt, dass die Länder vor allem
dort Plätze schaffen, wo sie für weniger Geld einen höhere Anzahl
bekommen und damit ihr Soll erfüllen: an den Fachhochschulen und in
Fächern, die keine teuren Laborkapazitäten benötigen. Doch eine
solche Politik ist naiv, weil sie die tatsächliche Nachfrage
ignoriert. Auch ist die Folge, dass die Hochschulen immer härtere
Zulassungsbeschränkungen in begehrten, aber eben teuren Fächern
einführen werden. Freie Fächerwahl nur noch für Einser-Abiturienten?
Das kann niemand wollen.

Das Hauptproblem aber ist die zeitliche Befristung des
Hochschulpaktes. Noch immer machen sich Bund und Länder falsche
Vorstellungen davon, wie viele Studenten nach dem Bachelor den Master
anstreben. Es ist die überwiegende Mehrheit. Doch politisch wird
gewünscht, dass die Absolventen mehrheitlich nach dem Bachelor die
Hochschulen Richtung Arbeitsmarkt verlassen. Ebenso wie nun endlich
anerkannt wurde, dass die Studentenzahlen viel stärker steigen als
erwartet, gilt es diese Realität zu berücksichtigen. Die Finanzierung
von Master-Studienplätzen gehört dringend auf die Tagesordnung. Es
wäre vor diesem Hintergrund ein Segen, wenn sich die Parteien in Bund
und Ländern auf die von der Bundesregierung vorgeschlagene
Grundgesetzänderung einließen. Der Hochschulpakt darf keines jener
Projekte bleiben, bei dem der Bund für ein paar Jahre den Ländern
hilft. Die gemeinsame auskömmliche Finanzierung der Hochschulen muss
Standard werden.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

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