Das Leben im Corona-Land / Hinter dem Zeternüber die vielen Einschränkungen steckt die Angst vor einer tückischen Krankheit, der gerade viel Schützenswertes zum Opfer fällt.

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Der immer stärker schwelende Ärger der Bürger über all das Lästige und Unbequeme, das Corona im Alltag mit sich bringt, all das Zetern über Maskenpflicht und zerstörte Urlaubspläne ist auch eine Flucht: Menschen sind Verdrängungsmeister. Das Konzentrieren auf das Kleinklein erspart die Auseinandersetzung damit, wie hochgefährlich das Virus ist. Es hat bis heute über 1700 Menschen im Freistaat das Leben gekostet – weitere Infizierte ringen in diesem Moment mit dem Tod. Ärzte und Pflegepersonal sind trotz aller Sicherheitsvorkehrungen starken Ansteckungsrisiken ausgesetzt. Den Familien der 1700 Toten ist klar, wie konkret die Corona-Gefahr ist. Doch im Grunde macht die Pandemie allen eine Heidenangst. Auch jenen Bürgern, die dieser Tage noch leichtsinnig agieren. Corona fordert viel zu viele Opfer. Doch ist dem Schutz des Lebens im Zweifel wirklich absolut alles unterzuordnen? Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat das soeben mit einem provozierenden Satz zur Debatte gestellt. Die Botschaft war leider unglücklich formuliert und ließ gehörig Raum für Fehlinterpretationen – als ob es darum ginge, in einer Güterabwägung den Schutz des Lebens durch andere Prioritäten zu ersetzen. Im besten Sinn wollte Schäuble mit seinem Vorstoß wachrütteln. Er will eine Diskussion darüber entfachen, was sonst an sehr Schützenswertem in Corona-Zeiten verloren geht. Eine wachsende Zahl von Menschen bangt um den Arbeitsplatz und damit um die eigenständig gesicherte wirtschaftliche Existenz. Im Regensburger Jobcenter haben sich die Hartz-IV-Anträge inzwischen verdreifacht. Jeder Fall: ein Mensch in Not. Das wiegt bei der Abwägung über den künftigen Corona-Kurs nicht schwerer als Menschenleben. Aber es darf nicht ausgeblendet werden. Es gibt viele solcher Problemfelder – nicht zuletzt zählt dazu die Lage der Kinder, deren Leben seit dem Start der Maßnahmen massiv eingeschränkt ist. Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, hat daran zu Recht sehr, sehr eindringlich erinnert. Der normale Alltag in Kitas und Schulen mag über Monate hinweg nicht möglich sein. Doch gerade deswegen braucht es möglichst viel sicheren Notbetrieb und auch Familien übergreifende Lösungen. Die gute Nachricht ist: In vielen Bundesländern – auch in Bayern – wird daran schon intensiv gearbeitet. Alles bleibt eine Gratwanderung mit dem schlichten Ziel: So lange kein Impfstoff zur Verfügung steht, sollen sich denkbar wenig Menschen infizieren. Wer trotz aller Vorsichtsmaßnahmen erkrankt, darf zumindest kaum jemand Anderen anstecken. Als Motivation hilft die Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht. Wer möchte ernsthaft sich selbst oder Dritte in eine lebensbedrohliche Lage bringen? Die Politik braucht bei der Suche nach guten Konzepten weiter einen großen Vertrauensvorschuss. Speziell die Bundesregierung und auch das bayerische Kabinett haben sich diesen auch verdient. Mag man an einzelnen Maßnahmen zweifeln: Unter dem Strich ist das Krisenmanagement weiter beachtlich. Die Losung “Was immer es kostet”, die Ministerpräsident Markus Söder für die Rettungspakete des Freistaats ausgegeben hat, war angesichts der Misere ziemlich alternativlos. Der Rettungsschirm des Freistaats mit einem Gesamtvolumen von 80 Milliarden Euro federt die schlimmsten Härten ab. Die 80 Milliarden Euro sind nichtsdestotrotz eine hohe Last für die Zukunft. Ab 2024 sollen die Corona-Staatsschulden in höchst ambitionierten Tranchen von jährlich einer Milliarde abgebaut werden. Nach dieser Rechnung wäre der Schaden für den Staatshaushalt bestenfalls bis 2104 beglichen. Auch diese Zahl macht deutlich, dass Corona nicht nur ein brutaler Störfall des Jahres 2020 ist.

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