Das Virus ist die Unsicherheit / Die Pandemie zwingt zu schnellen Entscheidungen. Doch Krisenhandeln sollte langfristig angelegt sein. Von Angelika Sauerer

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Die Corona-Krise ist eine Katastrophe und hätte genau deshalb für die Handelnden in Politik und Gesellschaft eine Chance sein können. Es wäre nicht das erste Mal, dass Entscheidungsträger von einer Situation profitieren, in der die Umstände so zwingend und existenziell sind, dass kein großer Spielraum für Fehler bleibt, wobei – aber das nur nebenbei bemerkt – einer wie Donald Trump sogar diesen traumwandlerisch sicher findet. Doch auch mit Blick auf Deutschland zeigt sich: Die Chance wurde nicht in dem Maße genutzt, wie man es hätte tun können. Das rächt sich nun. Das Virus schlug in einer Zeit ein, als Deutschland, Europa, ja eigentlich die ganze westliche Welt bereits ein Stück weit den Glauben daran verloren hatte, dass es wie gehabt weitergehen kann. Die Zukunft als Projektion einer besseren, schöneren, lebenswerteren, friedlicheren Welt hat ihren Zauber eingebüßt, der Zweifel setzte sich fest. Wird sich der Klimawandel stoppen lassen? Wird die Wissenschaft die nötigen technischen Lösungen finden? Wird die Wirtschaft sich vom ewigen Wachstumszwang verabschieden und trotzdem prosperieren können? Wird jemals Frieden einkehren in den Konflikten im Nahen Osten? Werden wir die Ursachen für Flucht und Vertreibung bekämpfen können? Werden wir uns als Gesellschaft weiterhin auf unsere gemeinsamen Werte gründen können – auf Freiheit, Respekt, Toleranz, Gleichheit, Achtung der Menschenwürde und, wenn man so will, auf den christlichen und darüber hinaus allumfassenden Wert der Nächstenliebe? Oder werden wir unsere Mitte an die Ränder verlieren – und damit unsere Stabilität und Sicherheit? Die Unsicherheit hatte sich längst eingenistet, schleichend und zuletzt immer offensichtlicher. Dabei ist das Streben nach Sicherheit der letzte, eigentliche und konstitutive Grund für den Zusammenhalt eines Gemeinwesens: Wir geben ein Stück Freiheit auf, unterwerfen uns Gesetzen, Regeln und auch den Bedürfnissen anderer, um dafür die Ungewissheit unserer in die Welt geworfenen Leben wenigstens ein bisschen zu reduzieren. Wenn aber nun das Vertrauen in die Regierenden verloren geht, dass sie dieses große Versprechen einer sicheren Existenz einlösen können, ist das fatal. So war die Situation vor Corona. Dann folgte eine Phase mehr oder weniger alternativlosen, aber nicht sehr inspirierten Regierungshandelns. Lockdown, Mundschutz, Testpflicht und so weiter. Das Virus trieb die Politik vor sich her. Und die ließ sich treiben. Manch einer, etwa der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, profilierte sich ein bisschen mehr, manch eine weniger – Bundeskanzlerin Angela Merkel war im Ausland aktiver als im Inland. Die Pandemie ist ein Katalysator für Unsicherheit. Was heute stimmt, ist morgen schon fraglich. Kurzfristiges Krisenhandeln war in dieser Lage zwar angesagt, sorgte aber immer nur eine begrenzte Zeit für das Gefühl der Kontrolle. Solange sich Ereignisse exponentiell überschlagen, fällt das Defizit an langfristiger Konzeption womöglich gar nicht auf. Als das Infektionsgeschehen abflaute, tat es das umso mehr. Erst recht nun, da sich eine zweite Welle langsam nähert. Zu den Unsicherheiten, die ohnehin schon da waren, addiert sich die erneut wachsende Bedrohung. Das Virus treibt die leider lauten Gegner der Corona-Maßnahmen auf die Straße. Im Stillen aber steht die große Mehrheit hinter den Regeln der Vorsicht. Das ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Für diese Menschen muss Politik gemacht werden. Wie aber sähe langfristiges Krisenhandeln aus? Es sollte unbeirrt und mit Nachdruck und Weitsicht die Dinge in den Fokus nehmen, die schon vor Corona auf der Agenda standen. Denn was das Virus verlangt, ergibt sich ohnehin von selbst.

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