Flutgedenken: „Wir haben erfahren, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein“ / Im Wortlaut: Rede von Superintendentin Claudia Müller-Bück im NRW-Landtag

Im nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf wurde heute Nachmittag der Opfer der Flutkatastrophe vor fünf Jahren gedacht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach ebenso Gedenkworte wie Ministerpräsident Hendrik Wüst und Landtagspräsident André Kuper (beide CDU). Superintendentin Claudia Müller-Bück (Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel) hielt die Ansprache. Wir dokumentieren ihre Rede im Wortlaut.

„Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Frau Büdenbender, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Landtagspräsident, sehr geehrte Anwesende!

Wenn wir in Swisttal-Heimerzheim Feste feiern, an Weihnachten, zu Hochzeiten oder Beerdigungen zusammenkommen, dann reden wir irgendwann über die Flut. Die Flut – alles, was wir seit dem Abend des 14. Juli 2021 erlebt haben – gehört zu unserer Geschichte. Das verbindet unser Dorf mit vielen anderen Orten, in denen in dieser Nacht Flüsse und sogar kleinste Bäche über die Ufer traten und unvorstellbare Wassermassen Leid und Zerstörung anrichteten. Was wir erlebt haben, liegt hinter uns. Wir sind nicht dieselben wie vorher. Die Trauer um Verstorbene, Bilder und Geräusche, die sich in unsere Erinnerung eingebrannt haben, das Gefühlschaos zwischen tiefster Verzweiflung, Erschöpfung und neuer Hoffnung, all das bleibt in uns.

Heute, fünf Jahre danach, denken wir daran hier im Landtag, und ich darf meine Erinnerungen mit Ihnen teilen:

Am späten Nachmittag des 14. Juli räume ich in der Maria-Magdalena-Kirche auf. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich, wie ein Strom aus Wasser und Schlamm den steilen Berg nebenan in Richtung Kirche herabfließt. Der Weg und die Treppe zum Untergeschoss sind schon überspült. Als ich die 112 wähle, höre ich erst ein Besetztzeichen, dann nichts mehr. Ich erreiche eine Feuerwehrfrau auf ihrem Handy. „Alle von der Freiwilligen Feuerwehr sind schon unterwegs, es wird jetzt keiner kommen können.“ Sie gibt mir noch ein paar Hinweise, dann legen wir auf.

Ich mache ein Foto und sende es in soziale Netzwerke: „Ich brauch hier Hilfe.“ Wenige Minuten später kommen erste Helferinnen und Helfer. Und dann immer mehr. Sie bringen Kirchenbücher und wichtige Akten nach oben, sichern Fenster und Türen mit Planen und Sandsäcken. Wir drehen den Strom ab, nur die Pumpe vor der unteren Eingangstür lassen wir laufen. Sie wird durchhalten. Die ganze Nacht. Vor der Kirche verabschieden wir uns. Ich bin den Helferinnen und Helfern so dankbar. Und weiß noch nicht, dass einige von ihnen in der Nacht ihr Zuhause und fast ihr Leben verlieren werden.

In der Turnhalle ganz oben im Dorf wird am späten Abend eine Notunterkunft eingerichtet, vor allem für Menschen aus Odendorf, dort wird evakuiert. Gegen 23 Uhr rufe ich in Absprache mit dem Einsatzleiter eine Erzieherin aus dem evangelischen Kindergarten an. Sie richtet mit Kolleginnen Schlafplätze für Familien mit kleinen Kindern her. „Herzlich willkommen!“, schreiben sie auf ein Schild, und am Fenster neben der Tür leuchtet ein großer bunter Regenbogen.

Die Nacht verbringe ich gemeinsam mit einem Team der Notfallseelsorge in der Turnhalle. Erst ist es noch ruhig, dann kommen immer mehr Menschen. Ich stehe einer Frau bei, die von der Feuerwehr aus ihrem Auto auf der überfluteten A 61 gerettet wurde. Gegen Morgen kommt eine Familie in durchnässter Kleidung. Sie sind etwa 100 Meter vom Bach entfernt durch tiefes Wasser gewatet und geschwommen, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie vermissen einen Freund und sorgen sich, ob er noch am Leben ist. Bevor dann bald Strom und Handynetz ganz wegbrechen, kann ich noch eine Nachricht schreiben: „Wir brauchen Kleidung, Handtücher, Decken …“ Und ganz schnell bringen Menschen, was gebraucht wird. Einige übernehmen die Organisation, sortieren nach Größe und helfen, das Richtige zu finden.

Später gehe ich den Berg runter, in Richtung Kirche und Dorfmitte. Was ich sehe, lässt meinen Atem stocken: Alle Häuser am Bach, Grundschule und Schulhof, geparkte Autos, ein Teil des Friedhofs, alles steht unter Wasser. Ich sehe Blaulicht, höre Martinshorn und Hubschrauber, die Menschen aus ihren Häusern über die Luft retten. Die Maria-Magdalena-Kirche liegt nur wenig höher. Sie ist fast unversehrt.

Zurück in der Turnhalle, treffe ich immer mehr Heimerzheimer*innen, die ich kenne. Eine Weile sitze ich bei den beiden alten Schwestern, die schon so viel erlebt haben. „Wir wurden mit einem Boot aus unserem Haus abgeholt, ist das nicht wunderbar?“, sagt die Ältere. Andere sind in dieser Nacht gestorben.

Mir fällt auf, wie jung die Leute vom THW sind, die die Bergung übernehmen. Und ich bin am Ende meiner Kraft. Als Seelsorgerin – als Mensch – erlebe ich einen Moment der völligen Ohnmacht. Ich weiß, dass ich jetzt nach Hause gehen muss, ausruhen, um neue Kraft zu finden.

Am Freitagmorgen öffnen wir die Maria-Magdalena-Kirche für alle. Es gibt fließendes Wasser und Strom, um Handys zu laden. Immer mehr Spenden werden gebracht: Lebensmittel, Trinkwasser, Hygieneartikel sind im Gruppenraum aufgebaut. Der Kirchraum ist offen. Am Rand stehen Liegen zum Ausruhen. In der Mitte brennt eine große, grün verzierte Kerze. „Hoffnung“ steht darauf.

Die älteren Damen vom Frauenkreis sorgen dafür, dass den ganzen Tag die Tische gedeckt sind und der Kaffee nicht ausgeht. Jugendliche ziehen von hier aus mit Bollerwagen los und bringen Essen und Getränke in abgelegene Straßen. Viele Leute aus dem Dorf kommen. Und Menschen aus ganz Deutschland, die sich aufgemacht haben. Sie räumen Keller aus, schippen Schlamm, hören zu. Sie bringen so viel Stärke und auch Fröhlichkeit mit in unseren Ort. Das macht uns allen Mut.

An der Bücherei entsteht ein Infopoint. Mit Post-it-Zetteln werden Helfer*innen an Hilfesuchende vermittelt. Es sind viele Initiativen und Gruppen, die in diesen ersten Tagen nach der Flut spontan helfen und organisieren.

Wir laden zu einem ersten Vernetzungstreffen ein und von da an treffen wir uns über Wochen jeden Morgen um 8 Uhr in der Maria-Magdalena-Kirche zur Lagebesprechung. Manchmal sind wir zehn, manchmal um die 20 Personen. Wir teilen miteinander, was uns vom Vortag noch nachgeht. Dann planen wir, koordinieren die Aufgaben und jede*r geht in seinen Kreis und gibt das Besprochene weiter. Wir wissen: Wir sind gemeinsam unterwegs, füreinander und für andere.

So habe ich die Flut erlebt und die Zeit danach. Manches Mal habe ich einen Moment still in der Kirche gesessen und Halt gesucht in dem, was mich trägt:

„Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ So heißt es in der Bibel, im 2. Timotheusbrief.

Das Wort „Zuversicht“ stand groß am Infopoint in Odendorf und wurde zum beliebten Hashtag in den sozialen Netzwerken. Bis heute ist es das Motto für viele, die mit den Folgen der Flut zu kämpfen haben. Zuversicht und Zusammenhalt. Wir haben erfahren, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein. Mitmenschliche Hilfe und eine starke Gemeinschaft können so viel Gutes bewirken. Lassen Sie uns das bewahren.

Fünf Jahre sind vergangen, mit unseren je eigenen Gedanken und Gefühlen erinnern wir uns gemeinsam. Wir denken an die Menschen, die verletzt wurden, an alle, die noch immer an Leib und Seele verwundet sind. Wir denken an die Menschen, die durch die Hochwasserkatastrophe verstorben sind. Sie sind unvergessen. Menschen, die sie liebten, sind unter uns. Sie tragen ihre Namen und kostbare Erinnerungen ganz fest in ihren Herzen.

Ich bitte Sie, wenn es Ihnen möglich ist, sich für ein stilles Gedenken von Ihren Plätzen zu erheben.“

Stichwort: Flutkatastrophe

In Deutschland kamen Mitte Juli 2021 mehr als 180 Menschen ums Leben, als nach tagelangem Regen innerhalb kürzester Zeit Flüsse, Nebenarme und Bachläufe überquollen. Mindestens 136 Menschen starben in Rheinland-Pfalz, fast alle im Ahrtal, 49 Tote gab es in Nordrhein-Westfalen. Mehr als 800 Menschen wurden verletzt, ganze Orte zerstört, Häuser, Betriebe, Infrastruktur und öffentliche Gebäude beschädigt.

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