Historiker-Vorsitzende: Deutschland erlebt Wandel wie 1968

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„Deutungshoheiten werden neu ausgehandelt“ – „Christian Drosten als Prophet“

Osnabrück. Deutschlands Gesellschaft befindet sich nach Worten der Historiker-Vorsitzenden Eva Schlotheuber im stärksten Wandel seit Jahrzehnten. In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) sagte die Wissenschaftlerin: „Deutungshoheiten werden gegenwärtig neu ausgehandelt.“ Dies sei in der Bundesrepublik das letzte Mal in größerem Maßstab 1968 geschehen. „Aber auch auf die Reichsgründung im 19. Jahrhundert folgte eine Phase hitziger kultureller Selbstfindung“, erinnerte Schlotheuber. „In solchen Zeiten kommt es immer wieder zu sehr emotionalen Wallungen.“

Als Beispiel für gegenwärtige Verschiebungen nannte die Mittelalter-Professorin das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Klimapolitik. „Mit der Freiheit künftiger Generationen hat ein ganz neuer Faktor Entscheidungskraft bekommen. Die Parameter des Denkens sind anders justiert worden. Das kann man gut und gerne historisch nennen.“ Auch die negativen Auswüchse der Cancel Culture seien in diesem Licht zu sehen.

Im gleichen Zuge sinke die Relevanz bisher prägender Akteure wie der Kirchen, erklärte die Historikerin. Der Verlust ihrer Deutungsmacht sei zuletzt in der Corona-Krise offensichtlich geworden. Schlotheuber: „Die Kirche spielte hier keine wesentliche Rolle, aber die Sehnsucht nach Erklärung wurde auf andere Akteure projiziert – ein Christian Drosten als Prophet, wenn man so will.“

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Historikerin: Adel strebt weiterhin nach Sonderstatus

Hohenzollern als deutsche „First Family“? – Kritik von Forscherin

Osnabrück. Familien des Adels streben in Deutschland nach Eindruck der Historiker-Vorsitzenden Eva Schlotheuber weiterhin nach einer Sonderrolle. In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) sagte die Mittelalter-Professorin über die gegenwärtige Häufung von Verhandlungen mit dem Staat um Immobilien: „Es geht um viel Geld und um die Deutung von Geschichte.“ Das seien schon einmal zwei wichtige Faktoren. „Aber letztlich geht es noch um mehr, glaube ich, nämlich um den Status des Adels in der heutigen Gesellschaft.“

Schlotheuber kritisierte scharf, dass insbesondere die Hohenzollern als Familie des letzten deutschen Kaisers ihre Ansprüche immer wieder auch mit rechtlichen Mitteln gegen Kritiker stützen wollten. „Die Akzeptanz einer Vorrangstellung kann man ja aber auch über karitatives Engagement oder Stiftungen zu erreichen suchen – oder eben über die Idee, in das frisch renovierte Schloss Cecilienhof im Sinne einer First Family einzuziehen, und durch juristische Schritte gegen Wissenschaftler, Journalisten und Politiker bei schwierigen Nachrichten“, sagte die Verbandsvorsitzende.

In rechtlicher Hinsicht gebe es keine besondere Rolle der Familien mehr. „Aber in gesellschaftlicher kann man an den Auseinandersetzungen sehen, dass der Adel selbst das anders sieht“, sagte Schlotheuber. In Teilen werde ihm dies auch für die Gesellschaft zugestanden. „Tatsächlich schreiben ja viele Menschen dem Adel nach wie vor eine besondere Stellung zu“, sagte die Historikerin. Das sehe man etwa an der breiten Rezeption der Vorgänge im englischen Königshaus. Einen Teil davon versuchten auch die deutschen Adelsnachkommen für sich zu beanspruchen.

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Historiker: Dramatische Bildungsmängel durch Corona-Politik

„Kinder werden ihr Leben lang leiden“

Osnabrück. Das politische Handeln in der Corona-Krise führt nach Auffassung des Verbandes der Historikerinnen und Historiker Deutschlands zu eklatanten Bildungsmängeln in Deutschland. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) sagte die Vorsitzende Eva Schlotheuber: „Bildung war nicht im Fokus. Ich finde das ganz katastrophal. Die Kinder werden ihr Leben lang darunter leiden, die ganze Gesellschaft wird es.“

Schon vorher sei wichtiges Orientierungswissen nicht mehr vermittelt worden. Es handele sich auch um eine Frage der Gerechtigkeit zwischen Alt und Jung, betonte Schlotheuber und erinnerte an das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das diese Folgen für kommende Generationen in der Klimapolitik als bedeutsam hervorgehoben hatte. „Eine neue Generation muss von der vorherigen befähigt werden, später im Leben gut zu bestehen“, sagte Schlotheuber. „Das wissen wir alle, und trotzdem nimmt die Gesellschaft im Bildungswesen dramatische Mängel hin.“

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