Kinder- und Jugendmediziner bestürzt über anhaltend geschlossene Schulen

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Kinder- und Jugendmediziner bestürzt über anhaltend geschlossene Schulen

„Ich betrachte das als dramatisch“ – Akademie-Generalsekretär kritisiert Expertenrunde der Kanzlerin als einseitig

Osnabrück. Experten für Kinder- und Jugendmedizin zeigen sich entsetzt von den Beschlüssen von Bundesregierung und Ministerpräsidenten zur weiteren Schließung von Kitas und Schulen. In einem Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ warnte der Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), Professor Hans-Iko Huppertz, vor schlimmen gesellschaftlichen Folgen. „Ich rede nicht von einer theoretischen Gefahr“, sagte der Mediziner. „Wir wissen mit Sicherheit, dass eine ganze Generation von Schülern infolge der jetzigen Beschlüsse ein Leben lang Nachteile erfahren wird.“

„Das derzeit entstehende Bildungsdefizit bei Schülern wird dazu führen, dass sie im späteren Leben ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen und dauerhaft ein signifikant niedrigeres Einkommensniveau erreichen werden, als es möglich gewesen wäre“, sagte der Professor. Ebenso bedeutend seien die psychosozialen und motorischen Defizite, die sich derzeit aufbauten. „Ich finde es vor diesem Hintergrund ganz hervorragend, dass einzelne Länder dem Wunsch der Bundesregierung nicht entsprechen und die Grundschulen teilweise geöffnet gelassen haben.“

Die DAKJ ist die Dachgesellschaft aller maßgeblichen berufsständischen und wissenschaftlichen deutschen Fachgesellschaften der Kinder- und Jugendmedizin. „Wir haben im ersten Lockdown gesehen, was aus ihm folgte. Nun dauert die Schließung von Schulen sogar noch länger“, kritisierte Huppertz und verwies auf eine aktuelle wissenschaftliche Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). „Ohne dass dies anhand wissenschaftlicher Daten konkret belegt werden kann, wird weiterhin vorgetragen, Schulen seien Hotspots der Pandemie mit einer sehr hohen („gefährlichen“) Dunkelziffer nicht erkannter Sars-CoV-2-Infektionen bei asymptomatischen Kindern und damit ein hohes Gefahrenpotenzial im Rahmen der Pandemieentwicklung in Deutschland“, heißt es darin. Ferner seien die „anfänglich geäußerten Befürchtungen“, dass die in Großbritannien festgestellte Virus-Mutation überproportional häufig Kinder und Jugendliche betreffe, inzwischen überholt. Gesichert sei hingegen, dass Schutzmaßnahmen geeignet seien, „auch unter hohen Infektionszahlen den Betrieb von Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder und Jugendliche aufrechtzuerhalten und von Schließungen abzusehen, wenn die empfohlenen Hygienemaßnahmen umgesetzt werden“. Auch Erfahrungen anderer Länder wie Frankreich zeigten, dass es gelingen könne, die Infektionszahlen ohne gravierende Einschränkungen des Schulbetriebs zu senken.

Die Schließungen von Schulen führten unmittelbar zur Zunahme von Fettleibigkeit und Online-Spielsucht, Ängsten und Aufmerksamkeitsstörungen, sagte Huppertz. Weitergehende Nachteile erführen Familien aus prekären Verhältnissen oder ohne Eltern mit deutscher Muttersprache. „Wenn Sie sich vorstellen, es gibt eine Dreizimmerwohnung im fünften Stock, alle sind zu Hause bei drei Kindern den ganzen Tag: Das führt zu Konflikten, das führt zu Gewalt, wir wissen das alles.“ Die jetzige dunkle und kalte Jahreszeit und Kontaktbeschränkungen machten es nochmals schwieriger, ein adäquates Sozialverhalten zu erlernen oder familiären Drucksituationen ausweichen zu können.

Eine nochmals größere Belastung bedeute die Situation für Familien mit behinderten Kindern oder bei psychisch erkrankten Eltern. „Die Hilfsangebote fallen weg. Ich betrachte das als dramatisch“, sagte der DAKJ-Generalsekretär.

Die Auswahl der wissenschaftlichen Berater der Bundesregierung und Ministerpräsidenten kritisierte der Professor als einseitig. „Wer im Kanzleramt gehört wird, hat sicherlich etwas zum Thema beizutragen, exzellente Leute. Ich wäre aber dafür gewesen, auch Fachleute anzuhören, die die Lage vor Ort kennen wie Pädagogen und Kinderärzte oder Eltern.“

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