Mittelbayerische Zeitung: NEU: Frauen in der Armutsfalle. Viele Seniorinnen zählen zu den großen finanziellen Verlierern. Das sollten schon die heute 30-Jährigen ins Kalkül ziehen. Von Marion Koller

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Das wohlhabende Bayern sticht im neuen Schuldneratlas der
Creditreform alle anderen Bundesländer aus. Im Freistaat sind die wenigsten
Privatleute überschuldet. “Nur” 7,3 Prozent der über 18-Jährigen kriegen ihre
finanzielle Situation nicht in den Griff. Bundesweit sind es zehn Prozent. In
Regensburg mit seinen – immer noch – vielen Toparbeitsplätzen läuft es
schlechter als im Bayernschnitt. Zwar ist auch in der Domstadt die Zahl der
Hochverschuldeten leicht gesunken, doch alarmierende neun Prozent können sich
nicht mehr aus der Schuldenfalle befreien. Das ist auch eine Folge der drastisch
steigenden Miet- und Immobilienpreise. “Wohnen ist in deutschen Großstädten zum
Armutsrisiko, in jedem Fall zum Überschuldungsrisiko geworden”, heißt es im
Schuldneratlas. Besonders betroffen sind Ältere über 60, vor allem Frauen. Die
Schuldenhöhe: im Schnitt 47 400 Euro. Das kann so nicht weitergehen, zumal in
den nächsten Jahren die Babyboomer in die Rente wechseln und das Problem
verschärfen. Die Stadt und der Gesetzgeber müssen schneller handeln, aber auch
jede Frau muss sich genau überlegen, ob sie ihr Erwerbsleben unterbricht. Ein
paar positive Nachrichten meldet der Schuldneratlas. Das flache Land in der
Region kommt gut weg. Neumarkt zählt zu den zehn Landkreisen mit der niedrigsten
Überschuldungsquote (5,24 Prozent), das Regensburger Umland hat 5,7 Prozent.
Auch der Kreis Cham weist nur sechs Prozent auf und Kelheim knapp 6,5. Das
spiegelt wider, dass das Wohnen im Umland einigermaßen erschwinglich ist. In
Regensburg dagegen öffnet sich die Schere zwischen Alterseinkommen und Mieten
weiter. Die Überschuldung besonders von Seniorinnen verschärft sich. Die
Ehrenamtlichen von der Regensburger Tafel beobachten mit Sorge, dass sich immer
mehr ältere Frauen Lebensmittel bei ihnen holen. Lokale Zahlen gibt es keine.
Aber die Tafel Deutschland beobachtet einen dramatischen Anstieg. Innerhalb
eines Jahres kamen 20 Prozent mehr alte Menschen. Bei der Schuldnerberatung des
Caritasverbands für die Diözese Regensburg wächst der Anteil der ratsuchenden
Seniorinnen, die nicht mehr weiter wissen, weil ihnen nur 100 Euro im Monat zum
Leben bleiben. Sie haben im Niedriglohnsektor gearbeitet oder die
Berufstätigkeit wegen der Kindererziehung unterbrochen. Kommt eine Scheidung
dazu, landen sie in der Armuts- und Schuldenfalle. 2000 Menschen in Regensburg
beziehen Grundsicherung, die Sozialhilfe für Rentner. Mit steigender Tendenz.
Die Dunkelziffer ist hoch, denn viele schämen sich. Das Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung untersuchte im Juli 2019 die bundesweite Entwicklung der
Wohnkosten von Haushalten mit einer Person ab 65 Jahren. Ergebnis: In dieser
Altersgruppe hat sich der Anteil der Haushalte, die eine Mietbelastungsquote von
mehr als 30 Prozent aufweisen, von 38 auf 63 Prozent stark erhöht. Ein
Maßnahmenbündel ist nötig: Regensburg sollte über geförderte Wohnungen für die
ältere Generation nachdenken und das angestrebte Volksbegehren zum Mietenstopp
in Bayern unterstützen. Eine 40-prozentige Sozialquote für Neubaugebiete hat die
Stadt bereits beschlossen. Es sind nach wie vor die Mütter, die den Löwenanteil
der staatlich bezahlten Elternzeit nehmen. Der Gesetzgeber muss das mit
zusätzlichen Anreizen ändern. Das Risiko, in die Altersarmut zu schlittern, kann
mit dem ersten Kind beginnen. Längere Jobpausen und Teilzeit reduzieren die
spätere Rente. Junge Mütter sollten lieber den Partner und die Kita einspannen
als jahrelang zuhause bleiben.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
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