Neue Westfälische (Bielefeld): Debatte über Mutterschaft¶ Perfektionswahn¶ Sigrun müller-Gerbes¶

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Je weniger Kinder es gibt, desto eifriger dreht
sich die öffentliche Debatte um sie und darum, wie sie optimal
aufwachsen. Diese Woche haben zwei auf den ersten Blick sehr
gegensätzliche Ereignisse das Thema bestimmt: Eine vielfache Mutter,
65, hat sich künstlich befruchten lassen und erwartet nun Vierlinge.
Außerdem hat eine Studie ein Tabu gebrochen: Frauen berichten, sie
hätten, rückblickend, ihre Kinder lieber nicht bekommen. Beide Fälle
stellen moralische Fragen ans Thema Mutterschaft: Darf eine Frau das?
So sehr weitere Kinder zu wollen, dass sie ihnen das Risiko zumutet,
behindert zur Welt zu kommen und die Mama noch vor dem
Erwachsenenalter zu Grabe tragen zu müssen? – Darf eine Frau das? So
sehr die frühere Unabhängigkeit und Selbstbestimmung vermissen, dass
sie die eigene Mutterschaft bereut? Die Antwort ist klar: Ja. Eine
Frau darf in jedem Alter Sehnsucht nach Babys haben; und sie darf
sich, trotz aller Liebe zum Nachwuchs, nach einem Leben ohne Kinder
zurücksehnen. Aber beide Sehnsüchte sind gleichermaßen irrational.
Die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, ist endgültig. Bisher hatten
auch die Gesetze der Natur etwas Endgültiges: Jenseits der Menopause
ist ein Kinderwunsch unerfüllbar. Wir leben aber im Zeitalter des
Anything goes – alles ist möglich, alles wird machbar. Oder anders
ausgedrückt: im Zeitalter der Selbstoptimierung. Denn wenn alles
möglich ist, hat jeder fast schon die Pflicht, das Beste rauszuholen
aus dem eigenen Leben. Jede Entscheidung wird abgeklopft darauf, ob
sich nicht noch was Bessres findet: Partnerschaft, Berufswahl,
Kinder. Wer sich entschieden hat, muss sich weiter optimieren: für
den Partner liebevoll, sexy, spritzig sein; für den Beruf effizient
und erfolgreich; für die Kinder aufopfernd, fördernd, ausgeglichen.
Klingt anstrengend? Ist es auch. Anstrengend war und ist auch die
Prozedur, die die werdende Vierlingsmutter über sich hat ergehen
lassen: eine monatelange Hormontherapie, mehrfache vergebliche
Implantationsversuche, die Schwangerschaft selbst. Warum tut sie das
den Kindern, aber auch sich selbst an? Eine mögliche Antwort wäre:
Selbstoptimierung. Perfekt erscheint das Leben ihr nur mit weiteren
Kindern. Das ist traurig, aber noch kein Skandal. Dazu wird es erst
dadurch, dass die Medizin da mitmacht. Dass sie im Machbarkeitswahn
den Wunsch nach Perfektion derart fördert. Es ist ein großer
Fortschritt dieser Gesellschaft, dass Individuen das Natur-, manche
sagen Gottgegebene nicht mehr als Schicksal hinnehmen müssen, sondern
ihr Leben selbstbestimmt gestalten können. Das nennt man Freiheit.
Wenn die Freiheit aber umschlägt in einen neuen Zwang zur permanenten
Perfektion, muss Entlastung her. Das trifft alle Menschen, aber
Mütter offenbar ganz besonders. Am ideologisch aufgeladenen Idealbild
der glücklichen Mutter, die ganz und gar in ihrer Rolle aufgeht,
scheitern die wirklichen Mütter im Alltag jeden Tag. Hier lässt sich
die moralische Frage an die Mutterschaft in eine pragmatische wenden:
Welche Hilfe ist nötig, damit Frauen ihre Entscheidung nicht
irgendwann bedauern? Welche Fluchten in die temporäre Kinderlosigkeit
werden ihr ermöglicht? Letztlich aber braucht es eine
gesellschaftliche Arbeitsteilung, die Müttern und Vätern gemeinsam
die Gewissheit gibt: Wir werden unsere Entscheidung fürs Kind nie
bereuen.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
Telefon: 0521 555 271
nachrichten@neue-westfaelische.de

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