Rheinische Post: Kommentar / Es geht um die Opfer = Von Julia Rathcke

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Nach der Verurteilung des ehemaligen SS-Manns
Reinhold Hanning streiten manche über das Strafmaß von fünf Jahren
für Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen. Manche darüber,
ob man einen 94-Jährigen noch vor Gericht zerren sollte. Beides ist
nebensächlich. Was zählt, ist der Prozess, die Anerkennung seiner
Schuld. Über 70 Jahre hat sich die Justiz weggeduckt, auch Nazis in
den eigenen Reihen geschützt. Die bloße Anwesenheit eines Wachmanns
im KZ hielten deutsche Gerichte bis 2011 nicht für ausreichend, um
ihn zu bestrafen. Erst der historische Prozess gegen KZ-Wachmann John
Demjanjuk änderte das. Versäumte Verhandlungen lassen sich nicht
nachholen, die meisten Täter sind tot. Umso mehr Aufmerksamkeit
gebührt den letzten Prozessen dieser Art. Im Fall Hanning erzählten
Nebenkläger aus Israel, Kanada und den USA – alle weit über 90 Jahre
alt – vor Gericht ausführlich ihre Schreckensgeschichten. Die
Beweisaufnahme war ihre Bühne, sie die wandelnden Mahnmale. Sie
wollten weder Rache noch Vergeltung. Alles, was sie wollen und was
sie verdienen, ist die Erinnerung, die Mahnung an die Menschheit.

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Rheinische Post
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