Südwest Presse: KOMMENTAR · ARMENIEN

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Späte Kurskorrektur

Die Regierungskoalition hat die Kurve gekriegt – spät, sehr spät.
Tage bevor Bundespräsident Joachim Gauck im Zusammenhang mit dem
Gedenktag für die vor 100 Jahren ermordeten Armenier vermutlich das
Wort „Völkermord“ in den Mund nehmen wird, haben sich Union und SPD
zu einer sprachlichen Klarstellung durchgerungen. Die unzähligen
Verbrechen an Armeniern während der Zeit des Osmanischen Reiches
sollen jetzt auch im offiziellen politischen Kontext als das
bezeichnet werden, was sie waren: als Versuch, die christliche
Volksgruppe auszurotten. Das ist Völkermord. Die deutsche Politik hat
sich beschämend lange Zeit gelassen, diese Wirklichkeit anzuerkennen.
Gründe für das Lavieren gibt es einige. Nach dem Massenschlachten von
Hereros in Deutsch-Südwestafrika Anfang des 20. Jahrhunderts wollte
man vielleicht nicht noch ein historisches Großverbrechen auf den
Schultern tragen. Schließlich haben 1915 deutsche Soldaten als
Verbündete der damaligen türkischen Regierung von den Verbrechen
gewusst, sie geduldet. Auch Rücksichtnahme gegenüber Israel, das den
Begriff Völkermord für den mit nichts zu vergleichenden Massenmord an
Juden reklamiert, spielt eine Rolle. Zu vermuten ist aber auch, dass
das Zögern wirtschaftliche Gründe hatte. Deutschland ist mit Ankara
eng verbunden, und Staatschef Erdogan scheut sich nicht, missliebigen
Deutungen türkischer Politik durch ausländische Staaten Taten folgen
zu lassen. In der Armenienfrage stellt sich Ankara taub und blind.
Berlin muss riskieren, für seine Kurskorrektur einen Preis zu zahlen.
Als Tribut für Aufrichtigkeit ist es das wert.

Pressekontakt:
Südwest Presse
Ulrike Sosalla
Telefon: 0731/156218

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