“Ausgangssperre sollte befristet sein” Leipziger Soziologe Prof. Holger Lengfeld befürchtet negative Wirkungen des “allerletzten Mittels”

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Von Joachim Zießler

Derzeit erleben auch Soziologen spannende Zeiten, quasi ein sonst nicht mögliches Massenexperiment. Wie wird sich das Herunterfahren unseres sozialen Lebens auswirken? Offen gesagt: Wir wissen es nicht. Eine solche Lage hat es seit Weltkriegsende nicht gegeben. Vieles wird davon abhängen, ob die tragenden Säulen der Gesellschaft weiter funktionieren: die Wirtschaft, vor allem Branchen, die lebenswichtige Güter herstellen, der Staat, zu dem das Gesundheitssystem gehört, Politik, die öffentliche Verwaltung, Polizei. Und das wiederum hängt davon ab, ob die Menschen in den sensiblen Bereichen weiterarbeiten und sich die Mehrheit sich an die staatlichen Anordnungen halten. Stand heute ist das alles gegeben.

Asiatische Gesellschaften veranschlagen – wie auch die europäischen noch vor wenigen Jahrzehnten – den Stellenwert des Kollektivs höher als den des Individuums. Wird die Einschränkung von als selbstverständlich empfundener persönlicher Freiheiten im Westen akzeptiert? Die aktuellen Umfragen in Deutschland zeigen eine große Akzeptanz in der Bevölkerung für die Maßnahmen der Eindämmung sozialer Kontakte. Nur wissen wir nicht, wie lange das hält, wenn nach und nach die Folgen der Freiheitsbegrenzung stärker durchschlagen. In Italien haben Kollegen von Handy-Bewegungsdaten gezeigt, dass sich immer weniger Menschen an die Ausgangssperre halten. Gerade Jüngere bei uns sind es überhaupt nicht gewohnt, dass der Staat derart drastisch in ihr Alltagsleben eingreift.

Krisen bringen oft das Beste, aber auch das Schlechteste im Menschen hervor. Wird der soziale Kitt bei uns eher gefestigt oder eher bröckeln? Im Moment sehe ich eher positive Signale. Menschen, die sich um ihre Gesundheit und die ihrer Nächsten sorgen, rücken zusammen und helfen einander. Ob die das immer ohne direkte Kontakte hinkriegen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall wird die Krise deutlich machen, dass moderne Gesellschaften gesundheitlichen Bedrohungen ausgesetzt sein können, für die sie sich besser rüsten sollten. Kann sein, dass wir nach der Krise einen gesellschaftlichen Konsens darüber haben, die Kapazität des Gesundheitssystems auszubauen. Das wäre auch eine Form der Festigung des sozialen Kitts.

Welche Risiken birgt aus soziologischer Sicht die aus virologischer Sicht sinnvolle Ausgangssperre? Das kann derart viele negative Folgen mit sich bringen, dass es nur das allerletzte Mittel sein kann. Man denke an Vereinsamung von alten Menschen besonders in den Großstädten und Konflikte innerhalb von Familien, wenn alle Mitglieder eines Haushaltes die Wohnung nicht verlassen dürfen. Und es wird massive wirtschaftliche Folgen haben, wenn man eine hochspezialisierte Volkswirtschaft runterfährt. Die geht nicht einfach so auf Knopfdruck wieder online nach der Ausgangssperre. Wenn es doch eine Ausgangssperre geben sollte, rate ich dazu, die als befristet anzukündigen. Wenn Menschen wissen, wie lange die Ausgangssperre anhält, werden sie eher bereit sein, die Regeln zu akzeptieren und die Belastungen zu ertragen.

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