Da blüht uns noch etwas / Strengere Regeln für das gesellschaftliche Leben werden wahrscheinlicher. Doch besser als Verschärfung wäre mehr Vernunft.

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Die neuen Anti-Corona-Pläne kommen Schlag auf Schlag: Bayern verschärft die Regeln für Virus-Hotspots, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will “Fieberambulanzen” einführen, der Virologe Hendrik Streeck plädiert für ein Ampelsystem zur besseren Gefahreneinschätzung und manch ein Hygieniker setzt auf Gurgeln mit Mundspülung gegen das Virus. Nun unterscheiden sich diese Vorschläge stark in ihrer Sinnhaftigkeit: Während Spahns Ambulanz-Pläne durchaus vernünftig sind, ist die Abwehrwirkung des Gurgelns sehr umstritten, auch in Fachkreisen. Nur auf Mund-Desinfektion sollte man beim Schutz vor dem Virus also nicht vertrauen. Allein die Fülle der neuen Vorschläge aber zeigt: Die Lage ist ernst. Die Infektionszahlen steigen rapide an, die kalte Jahreszeit mit erhöhtem Krankheitsrisiko nähert sich. Man wird sich darauf einstellen müssen, dass die aktuelle Lage Folgen für unser gesellschaftliches Leben im Herbst und Winter haben kann. Da blüht uns noch etwas. Prognosen sind in Corona-Zeiten freilich schwierig. Jeder, der die Entwicklungen der vergangenen Monaten wach verfolgt hat, wird gelernt haben, dass haltbare Ausblicke unmöglich sind. Jeder, der in den vergangenen Tagen aufmerksam war, wird aber auch gemerkt haben, dass sich die Viruslage stetig verschärft. Regensburg hat soeben die Marke von 35 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner auf sieben Tagen gerissen, der städtische Krisenstab hat gestern über schärfere Beschränkungen beraten. Die Marschrichtung gab gestern die bayerische Staatsregierung vor, als sie verbindliche “Soll-Regelungen” für Landkreise und kreisfreie Städte mit hohen Infektionszahlen beschloss: Masken im Freien, weniger Kontakte, Schranken bei Privatfeiern und beim Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit – Kommunen sollen strenger durchgreifen, um der Pandemie Einhalt zu gebieten. Die Verschärfungen sind auch eine Reaktion auf fahrlässiges Verhalten bei Feiern, etwa bei den alternativen Wiesn-Festen in München am Wochenende. Die Partygänger gefährden nicht nur sich selbst, sondern werden auch zu potenziellen Überträgern. Deswegen setzen die Verschärfungen im Prinzip an der richtigen Stelle an, nämlich dort, wo es Entgleisungen gab. Mehr Vernunft als schärfere Regeln wäre dennoch die bessere Option. Ein warnendes Beispiel für das, was blühen kann, ist das fränkische Bad Königshofen. Dort sind wegen hoher Corona-Zahlen vorübergehend Schulen und Kitas wieder dicht, in Alten- und Pflegeheimen gilt Besuchsverbot. Die Schließung von Bildungs-, Betreuungs- und Sozialeinrichtungen ebenso wie im Wirtschafts- und Arbeitsleben dürfen nur das allerletzte aller möglichen Mittel sein. Die Fälle von Bad Königshofen, München, Würzburg und auch Regensburg zeigen, wie fragil die aktuelle Lage ist. Werden die Regeln flächendeckend wieder verschärft, könnten der Herbst und Winter hart werden. Nun zeigen die aktuellen Lageberichte, dass sich vor allem junge Menschen anstecken. In Bayern ist derzeit sogar jeder zweite Infizierte unter 35 Jahre alt. Doch auch, wenn die Jungen im Gros ein geringeres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben, ist das kein Grund zur Entwarnung. Gerade sie sind mobil und viel auf Achse, verbreiten das Virus weiter als ältere Patienten. Wir sollten uns nicht in Sicherheit wiegen und nicht in Nachlässigkeit verfallen. Der Appell an die Eigenverantwortung der Bürger entbindet die politischen Entscheider aber nicht ihrer Verantwortung. Diese Krise erfordert transparente Kommunikation, viel Erklärung und Einbindung der Bürger. In der Anfangsphase der Pandemie haben die Regierungen von Bund und Länder das stärker beherzt als im späteren Verlauf. Doch gerade jetzt, da die Maßnahmen Schlag auf Schlag kommen, muss auch die politische Kommunikation Schritt halten.

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