Evangelische Kirche trifft Papst Benedikt XVI. in Erfurt/ Zeit für eine „Ökumene der Gaben“ – Ökumenischer Gottesdienst in der Augustinerkirche

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Eine Delegation der evangelischen Kirche unter
Leitung des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, ist am heutigen Freitag
zu einem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. und seiner Delegation im
Augustinerkloster zu Erfurt zusammengekommen. Im Anschluss an das
Gespräch wurde ein ökumenischer Wortgottesdienst in der
Augustinerkirche gefeiert.

Bei der Begegnung der 20-köpfigen evangelischen Delegation mit dem
Papst im Kapitelsaal des Augustinerklosters verlieh der
Ratsvorsitzende Schneider seiner Freude darüber Ausdruck, dass der
Papst die Einladung in das Augustinerkloster angenommen habe, jenem
Kloster also, in dem Martin Luther im Jahre 1505 in den
Augustiner-Eremitenorden aufgenommen worden sei. Nach einer kurzen
Begrüßung durch die Landesbischöfin Ilse Junkermann erinnerte der
Ratsvorsitzende in seiner Ansprache daran, die „getrennt gewachsenen
Traditionen“ in den Konfessionen „nicht als Defizite“, sondern als
„gemeinsame Gaben“ zu verstehen. In Fortentwicklung einer „Ökumene
der Profile“ sei es nun an der Zeit für eine „Ökumene der Gaben“, in
der „der große Fortschritt“ gefeiert werde, dass wir als getrennte
Kirchen „freundschaftlich verschieden“ sind.

So würden die beiden Konfessionen das Sakrament der Taufe
wechselseitig anerkennen. „Menschen in die Kirche als dem Leib
Christi einzugliedern, trauen wir einander zu und vertrauen wir
einander an. Darauf können wir bauen und weitere konkrete Schritte zu
mehr Gemeinsamkeit wagen“, so der Ratsvorsitzende wörtlich.

Schneider erinnerte daran, dass sich die Kirchen der Reformation
als „Kirche der Freiheit“ verstünden. Damit sei keine „unverbindliche
Beliebigkeit“ gemeint, sondern eine Freiheit, die sich im „Ja“ zu
Jesus Christus gründe und allein im Zusammenspiel von Freiheit und
Bindung wahre Freiheit werde. Diese augustinisch gegründete Theologie
der Reformation, so Schneider, sei „die besondere Gabe der Kirchen
der Reformation in einer weltweiten Christenheit“.

Schließlich warb der Ratsvorsitzende in seiner Ansprache dafür,
„von 2000 Jahren gemeinsamer Kirchengeschichte zu sprechen“, denn
auch nach 1517 seien beide Konfessionen als „Westliche Kirchen“ in
besonderer Weise aufeinander bezogen gewesen – „im Guten und im
Bösen, in heilsamem Wirken miteinander, aber auch in tödlicher
Feindschaft gegeneinander“. Deshalb sei es, so Schneider, im Blick
auf das bevorstehende Reformationsjubiläum 2017 an der Zeit,
Erinnerungen an die „gegenseitigen Verletzungen in der
Reformationszeit“ und der ihr folgenden Geschichte beider Kirchen „zu
heilen und konkrete Wege der Aussöhnung“ zu gehen.

Abschließend lud der Ratsvorsitzende den Papst als „Bruder in
Christus“ ein, den 31. Oktober 2017 als ein „Fest des
Christusbekenntnisses“ zu verstehen und „mit den Kirchen der
Reformation“ zu feiern, auf dass alle in ökumenischer Verbundenheit
Christus bezeugten, „damit die Welt glaube“ (Johannesevangelium
Kapitel 17, Vers 21).

Im anschließenden ökumenischen Wortgottesdienst begrüßte die
Präses der Synode der EKD, Katrin Göring-Eckardt, Papst Benedikt XVI.
mit einer geistlichen Meditation. In ihren Ausführungen erinnerte sie
dabei an Martin Luthers Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr
über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein
dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Er sei auch
für die Christinnen und Christen in der DDR ein „kämpferisches, ein
stärkendes Wort“ gewesen. Aus der Geschichte habe man lernen können:
„Wenn man Mauern zu lange bewacht, Mauern aus Stein und Mauern aus
Schweigen, dann brechen sie von innen auf, weil die Menschen von der
Freiheit wissen.“

Ausgehend von der Tageslosung des 23. Septembers aus dem Buch
Jesaja (Kapitel 26, Vers 9: „Von Herzen verlangt mich nach dir des
Nachts, ja, mit meinem Geist suche ich dich am Morgen“) erinnerte
Göring-Eckardt an die Gottsuche vieler Menschen heute, die heimatlos
geworden sind: „Heimatlos auf der Flucht vor Hunger, vor Krieg, vor
Umweltzerstörung; heimatlos auch durch Gewalt an Körper und Seele,
heimatlos in Enge und in Verzweiflung. Dagegen gelte es zu erinnern:
„In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen– heißt es im
Johannesevangelium (Kapitel 14, Vers 2), und dieses Haus, in dem wir
wohnen, in das wir kommen können, egal wie wir heißen oder sind, hat
auch immer noch Zimmer frei für die, die suchen und bei uns Heimat
finden.“ Dies gelte für alle Menschen, betonte Göring-Eckardt. „Gott
sieht uns alle mit der gleichen und nur ihm eigenen großen Liebe an.“

Im Blick auf den gemeinsamen Gottesdienst sagte die Präses
abschließend: „Wer auf uns schaut, soll spüren, dass wir in allem
wissen von Gottes Liebe, die uns nicht drängt, sondern trägt, die
sich manchmal verbirgt und dann wieder leuchtet mit aller Kraft.“

Erfurt/Hannover, 23. September 2011

Pressestelle der EKD

Reinhard Mawick

Es folgen die

– Ansprache des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, am 23. September 2011
im Kapitelsaal des Augustinerklosters zu Erfurt – Begrüßung und
Geistliches Wort von Frau Präses Katrin Göring-Eckardt im Rahmen der
Ökumenischen Feier in der Augustinerkirche in Erfurt am 23.09.2011 –
Ansprache der Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in
Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, am 23. September 2011 im
Kapitelsaal des Augustinerklosters zu Erfurt

Es gilt das gesprochene Wort! Achtung! Sperrfrist: Freitag, 23.
September 2011, 11.45 Uhr

Ansprache

des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
(EKD), Präses Nikolaus Schneider, am 23. September 2011 im
Kapitelsaal des Augustinerklosters zu Erfurt

Von Herzen freue ich mich darüber, dass Sie, Eure Heiligkeit,
lieber Bruder in Christus, unsere Einladung nach Erfurt angenommen
haben. Sehr gerne begrüße ich Sie und Ihre Delegation sowie die
Geschwister aus den reformatorischen Kirchen heute in dem Raum, in
dem Martin Luther in den Orden der Augustiner-Eremiten aufgenommen
wurde. Das Augustinerkloster in Erfurt prägt unsere Begegnung.

Christinnen und Christen unserer beiden Kirchen leben in dieser
Stadt in der Diaspora. Ihr Zusammenleben und ihr gemeinsames Zeugnis
werden von dem Wissen und der Erfahrung gestärkt, dass uns viel mehr
verbindet als trennt. Zu den gemeinsamen Gaben gehört unser
Verständnis der Heiligen Schrift als –Wort des lebendigen Gottes–.
Sie leitet unsere Kirchen dazu an, Gott als den Schöpfer und Herrn
der Welt –zu fürchten und zu lieben– und ein dem Leben zuträgliches
Maß menschlicher Lebensentfaltung zu finden.

In der Heiligen Schrift ermutigt uns im Epheserbrief die Bitte,
„… dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in
der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“ Damit auch die daraus
folgende Verheißung wahr wird: „So könnt ihr mit allen Heiligen
begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die
Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis
übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.“
(Eph. 3,17f)

Im Vertrauen auf dieses Gebet beschreiten wir unseren ökumenischen
Weg. Daraus gewinnt das Ringen um ökumenische Gemeinschaft Zuversicht
und unser Christuszeugnis seine überzeugende Kraft.

Denn gerade in der Diaspora stärkt ökumenische Gemeinschaft uns in
unserem Auftrag, –Botschafter und Botschafterinnen an Christi statt
zu sein–; weil wir gemeinsam einladen: „Lasst euch versöhnen mit
Gott“ (2. Kor. 5, 20).

Das Vertrauen auf das Wirken dieser Fürbitte hält die Hoffnung
lebendig, unseren „Eigen-Sinn“ überwinden zu können und getrennt
gewachsene Traditionen als gemeinsame Gaben zu verstehen. Danach
sehnen sich viele Menschen in allen Regionen Deutschlands – vor allem
die Gläubigen, die in konfessionsverbindenden Ehen und Familien
leben. Für uns alle wäre es ein Segen, ihnen in absehbarer Zeit eine
von Einschränkungen freiere eucharistische Gemeinschaft zu
ermöglichen.

Der Geist Gottes hat uns dahin geleitet und der nüchterne Blick
auf unsere Geschichte hat uns dahin geführt, dass wir die Feindschaft
gegeneinander überwunden haben. Unseren Glauben leben wir in
vielerlei Gestalt schon jetzt gemeinsam.

Das ist ein großer Fortschritt! In getrennten Kirchen sind wir
freundschaftlich verschieden – dafür sind wir dankbar.

Aber damit können wir nicht zufrieden sein – nicht im Blick auf
Christi Gebet um die –Einheit in seiner Nachfolge, damit die Welt
glaube– (vgl. Joh. 17,21) und auch nicht im Blick auf die großen
gemeinsamen Herausforderungen angesichts von Gott-Vergessenheit,
Orientierungslosigkeit und Verunsicherung.

Deswegen ist es an der Zeit für eine „Ökumene der Gaben“, in der
unsere Charismen sich ergänzen und einander erhellen.

Über unsere Erkenntnisfähigkeit sagt der Apostel Paulus: „Wir
sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild;“ (1. Kor. 13,12).
Es entspricht dem Realismus dieser Aussage, dass wir einander
ergänzen müssen, um das Bild aufzuhellen. Sie, lieber Bruder in
Christus, haben wesentlich Anteil daran, dass dies in der gemeinsamen
Erklärung zur Rechtfertigungslehre gelungen ist. Auch der
„Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen“
trägt dazu bei, dass unsere Stimmen in versöhnter Verschiedenheit
zusammenklingen und nun praktische Früchte tragen können.

Im Zusammenklang unserer je besonderen Gaben mag es gelingen, so
von Gott zu reden, dass Menschen in ihm eine Adresse für ihre
Sehnsüchte, Fragen und Ratlosigkeiten wie auch für ihre
vermeintlichen Sicherheiten wahrnehmen.

Wir erkennen das Sakrament der Taufe wechselseitig an. Menschen in
die Kirche als dem Leib Christi einzugliedern, trauen wir einander zu
und vertrauen wir einander an. Darauf können wir bauen und weitere
konkrete Schritte zu mehr Gemeinsamkeit wagen.

Die Kirchen der Reformation verstehen sich als „Kirche der
Freiheit“. Damit meinen wir eine Freiheit, die sich im „Ja“ zu Jesus
Christus gründet – nicht eine unverbindliche Beliebigkeit. Denn wir
haben von den Reformatoren und im Grunde vom Kirchenvater Augustinus
gelernt, dass nur die Freiheit, die im Zusammenspiel von Freiheit und
Bindung begriffen wird, wahre Freiheit ist.

Diese augustinisch gegründete Theologie der Reformation ist unsere
besondere Gabe in einer weltweiten Christenheit.

Wenn Ihre Diagnose zutrifft, dass von der spätmittelalterlichen
Theologie des vereinzelten, tief über Gott und Welt verunsicherten
Menschen Linien in die Moderne führen, dann gilt doch auch, dass das
theologische Konzept Luthers und der Reformatoren, sich von Gott
Gewissheit angesichts aller solcher Verunsicherung schenken zu
lassen, so aktuell ist wie nie. Das gilt für die evangelischen
Kirchen. Aber gilt das nicht auch für unsere römisch-katholische
Schwesterkirche und für die ganze anders- und nichtglaubende, aber
ebenfalls zutiefst verunsicherte Welt – gerade in dieser äußerst
krisenhaften Zeit?

Lieber Bruder in Christus, die Steine können es bezeugen: Martin
Luther wurde an diesem Ort Augustiner-Eremit. Im Dom wurde er zum
Priester geweiht, in der Klosterkirche las er seine Primiz, die erste
Messe.

Verbindet ihn nicht Wesentliches mit der römisch-katholischen
Kirche, das auch bleibt? Ist der Erfurter Augustinermönch Martin
Luther nicht auch als ein Scharnier zwischen unseren Kirchen zu
verstehen, weil er zu beiden Kirchen gehört?

Die Reformatoren haben die Reformation als Umkehr der Kirche zu
Christus verstanden. Reformation als Umkehr zu Christus ist uns
Christenmenschen, allen kirchlichen Amtsträgern und Amtsträgerinnen
und doch auch den Institutionen täglich aufgetragen!

Ich werbe dafür, von 2000 Jahren gemeinsamer Kirchengeschichte zu
sprechen, und nicht allein von 1500 Jahren. Auch nach 1517 blieben
wir als „Westliche Kirchen“ in besonderer Weise aufeinander bezogen –
im Guten und im Bösen, in heilsamem Wirken miteinander, aber auch in
tödlicher Feindschaft gegeneinander.

Es ist meines Erachtens an der Zeit, im Blick auf das
bevorstehende Reformationsjubiläum 2017 die Erinnerungen an die
gegenseitigen Verletzungen in der Reformationszeit und der ihr
folgenden Geschichte unserer Kirchen zu heilen und konkrete Wege der
Aussöhnung zu gehen. Dazu möchte ich Sie gerne einladen.

Der Geist triumphalistischer Großspurigkeit wird das
Reformationsjubiläum nicht prägen. Vielmehr laden wir alle
Christenmenschen ein, sich gemeinsam mit uns darüber zu freuen, dass
Gott der ganzen Kirche eine starke Theologie der Gewissheit in Zeiten
höchster Verunsicherung geschenkt und für die ganze Christenheit in
den letzten fünfhundert Jahren lebendig gehalten hat.

Daher möchte ich Sie, lieber Bruder in Christus, bitten, den 31.
Oktober 2017 als ein Fest des Christusbekenntnisses zu verstehen und
mit den Kirchen der Reformation zu feiern, so dass wir alle in
ökumenischer Verbundenheit Christus bezeugen, „damit die Welt
glaube“.

Ich freue mich auf den Gottesdienst, den wir gleich gemeinsam
feiern werden. Gott segne Sie und unsere ökumenische Gemeinschaft.

Deutsche Originalfassung / English Translation / Traduzione
italiana: www.ekd.de/texte-erfurt-2011

—–

Begrüßung und Geistliches Wort

von Frau Präses Katrin Göring-Eckardt im Rahmen der Ökumenischen
Feier in der Augustinerkirche in Erfurt am 23.09.2011

„Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist
suche ich dich am Morgen.“ (Jesaja 26,9)

Mit diesem Jesajawort, das die Herrnhuter Brüdergemeine für diesen
Tag gelost hat , grüße ich Sie, grüße ich Euch, liebe Schwestern und
Brüder, zu unserem Gottesdienst. Ich grüße von Herzen unseren Bruder
in Christus, Papst Benedikt XVI. Wir sind dankbar, dass Sie mit uns
beten, singen und auf Gottes Wort hören wollen und dass Sie predigen.
Ich grüße unseren Bruder Nikolaus Schneider, den Vorsitzenden des
Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland; Sie beide leiten
diesen Gottesdienst gemeinsam!

Sehr froh bin ich, dass wir mindestens ein Ehepaar unter uns
haben, welches die Verbundenheit der Konfessionen in der Familie
lebt. Herr Bundespräsident, liebe Frau Wulff. Wie schön, dass Sie
beide da sind und mit den evangelischen und römisch-katholischen
Christinnen und Christen aus den Gemeinden diesen Gottesdienst
feiern. Ein herzliches Willkommen den Schülerinnen und Schülern der
katholischen Edith-Stein-Schule und des evangelischen Ratsgymnasiums
hier aus Erfurt. Sie bringen die Zukunft unserer Kirchen in unsere
Runde. Ich hoffe, ihr singt laut mit! Und mit uns beten und singen
Christenmenschen hier im Augustinerkloster, draußen in der Stadt und
zu Hause an den Fernsehgeräten. Wir alle sind Gemeinde Gottes und wir
freuen uns, diesen Gottesdienst feiern zu dürfen.

„Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist
suche ich dich am Morgen.“

Unser ökumenischer Gottesdienst hier ist ein großes und sehr
öffentliches Ereignis. Er ist aber trotz der Scheinwerfer keine Show.
Er dient nämlich etwas Anderem, etwas viel Größerem. Obgleich uns
manches trennt, das Wichtigste verbindet uns: die Sehnsucht nach
Gott. Denn unsere Heimat ist der Himmel. Es ist Gottes Licht, das in
der Niedrigkeit scheint, im Stall von Bethlehem, das Licht, das von
Kreuz und Auferstehung ausgeht.

So will ich auch die Neugierigen begrüßen, die, die uns zuschauen,
vielleicht sogar mit Skepsis; die, die wenig von Gott erhoffen, die
ihn kaum noch kennen und gar nicht glauben können. Seien Sie
versichert, auch christliche Hoffnung ist nicht immer groß und unsere
Fragen sind mitunter größer, als der Glaube fest ist. Aber hören Sie
vor allem, dass Sie willkommen sind. Fröhliche Christenmenschen
nämlich wollen gar nicht unter sich bleiben.

„Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist
suche ich dich am Morgen.“

Nachts, wenn die Schatten länger werden, sehnen wir uns – in
tobender Unruhe, in der Verwirrtheit, in der Ungewissheit – nach
Gott. Und es ist Nacht in der Welt: Menschen werden heimatlos:
heimatlos auf der Flucht vor Hunger, vor Krieg, vor Umweltzerstörung;
heimatlos auch durch Gewalt an Körper und Seele, heimatlos in Enge
und in Verzweiflung. Morgens, wenn der Tag noch voller Möglichkeiten
ist, suchen wir Gott an den Kreuzwegen und Weggabelungen, wenn wir
entscheiden müssen, was richtig ist und gut und dauerhaft. Wie wir
leben – ohne Zerstörung; wen wir lieben – ohne Verletzung; was wir
tun – ohne Anmaßung. Immer wieder wollen und sollen wir wählen. Und
doch wollen wir vor allem eines: Heimat finden, angenommen sein und
den Ort kennen, an dem wir bleiben können.

Beheimatet in Gottes Trost, geborgen in seiner Liebe, werden
Menschen frei und unverzagt. Oder wie Sie, lieber Bruder Papst
Benedikt, es formuliert haben: „ER will, dass zwischen ihm und uns
das Geheimnis der Liebe entstehe, das Freiheit voraussetzt.“

Der Mönch Martin Luther ist hier in diesen Mauern der
Augustinerkirche zu Erfurt eingekehrt bei Gott und hat diese Liebe
gesucht. Und er ist aufgebrochen, hinter sich zu lassen: Macht ohne
Liebe, Glaube ohne Freiheit, Angst ohne Ausweg. Aufgebrochen, hin zu
einer Freiheit, die in Gott ihre Wurzeln und in der Welt ihren Ort
findet, immer wieder, durch die Jahrhunderte hindurch, bis in die
jüngere Geschichte, bis heute. Luthers Satz: „Ein Christenmensch ist
ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein
Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann
untertan“ war auch für Christinnen und Christen in der DDR ein
kämpferisches, ein stärkendes Wort. Ja, wir konnten getrost wissen,
dass Gott größer ist, größer als die kleinbürgerliche SED sowieso,
größer als die martialische Stasi aber eben auch. Und gewiss größer
als das ganze heuchlerische, unterdrückerische System, das die
Menschen klein und den Glauben unsichtbar machen wollte. Und aus
dieser Geschichte haben wir erneut gelernt: Wenn man Mauern zu lange
bewacht, Mauern aus Stein und Mauern aus Schweigen, dann brechen sie
von innen auf: weil die Menschen von der Freiheit wissen.

„Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist
suche ich dich am Morgen.“

Viele Menschen suchen nach Gott mit ihrem Geist, morgens und
abends, allein oder gemeinsam; und Gott sieht alle, uns alle an, mit
der gleichen und nur ihm eigenen großen Liebe: ob wir nun alt sind
oder jung, Mann oder Frau, so oder anders gläubig, heiter oder
bedrückt, egal, wen wir lieben und mit wem wir das Leben teilen. Denn
„in meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“, heißt es im
Johannesevangelium (14, 2), und dieses Haus, in dem wir wohnen, in
das wir kommen können, egal wie wir heißen oder sind, hat auch immer
noch Zimmer frei für die, die suchen und bei uns Heimat finden. Wir
haben ein Fundament, das Wort Gottes, und wir haben einen gemeinsamen
Grund, die Heilige Taufe. Und, ja, zum richtigen Zeitpunkt werden wir
am hellsten und besten Ort des Hauses gemeinsam und füreinander den
Tisch decken, an den ER uns einlädt, von dem wir gemeinsam essen und
trinken, was Jesus an seinem letzten Abend teilte. Nicht, weil wir es
müssen, sondern weil wir es können und weil wir es wollen.

Ich bin Ihnen, lieber Bruder Papst Benedikt, dankbar, dass Sie
Station machen hier mit uns, auf dem Weg, den Gott uns schenkt, denn
auch die Ökumene ist zuallererst Gottes Geschenk an uns.

„Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts und mit meinem Geist
suche ich dich am Morgen“, heißt es bei Jesaja.

Dieser Freitagmittag in Erfurt ist kein gewöhnlicher. Wer jetzt
auf uns schaut, soll das spüren. Nein, wir sind nicht besser, größer,
reicher als andere, noch nicht einmal alle zusammen. Und ja, wir
machen Fehler und denken kurzfristig und egoistisch. Dietrich
Bonhoeffer hat aber richtig erkannt: „Ich glaube, daß auch unsere
Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht
schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren
vermeintlichen Guttaten.“

Wer auf uns schaut, soll spüren, dass wir in allem wissen von
Gottes Liebe, die uns nicht drängt, sondern trägt, die sich manchmal
verbirgt und dann wieder leuchtet mit aller Kraft.

Dass wir diese Liebe kennen, in ihr leben, bei ihr bleiben, dass
wir in ihr Heimat finden können und leben im Hause des Vaters,
gemeinsam als die eine Gemeinde Jesu Christi, das ist es, was die
Suche unseres Geistes ausfüllt und das Verlangen unserer Herzen zur
Erfüllung bringt.

Gott segne unser Hören und Reden, unser Singen und Sagen, unser
Aufbrechen und Ankommen.

Lasst uns aufstehen, vor Gott treten und beten.

Deutsche Originalfassung / English Translation / Traduzione
italiana: www.ekd.de/texte-erfurt-2011

———-

Ansprache

der Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland,
Ilse Junkermann, am 23. September 2011 im Kapitelsaal des
Augustinerklosters zu Erfurt

Eure Heiligkeit, Papst Benedikt XVI.,

lieber Bruder in Christus! Sehr geehrter Vorsitzender des Rates
der EKD, lieber Bruder Präses! Sehr verehrte Eminenzen und
Exzellenzen, liebe Brüder im Bischofsamt und Präsidenten, sehr
geehrte Professorinnen und Professoren, liebe Schwestern und Brüder!

Sehr herzlich heiße ich Sie im Namen der Evangelischen Kirche in
Mitteldeutschland hier im Kapitelsaal des Evang. Augustinerklosters
zu Erfurt willkommen!

Es ist für unsere Kirche eine große Ehre und eine noch größere
Freude, Ihnen mit unserem Haus und der Klosterkirche für diese
Begegnung und den Gottesdienst dienen zu können.

„Historisch“ nennen viele diese Begegnung. In dieser Bezeichnung
kommt die hohe politische und gesellschaftliche Bedeutung zum
Ausdruck, die von der Öffentlichkeit dieser Begegnung beigelegt wird.

Ich möchte diese Begegnung als eine geschichtlich bedeutsame
verstehen. Und zwar in dem Sinn, wie wir es von unseren jüdischen
Glaubensgeschwistern wissen und von unseren Gottesdiensten her
verstehen: Geschichte liegt vor uns. Auch wenn es um Geschehen und
Ereignisse in der Vergangenheit geht, so sind wir eingeladen und
aufgefordert, die Geschichte in unsere Gegenwart aufzunehmen und uns
so in diese Geschichte hineinzubegeben.

Dies gilt für die jährliche Feier des Passamahles wie für die
Feier der Eucharistie und des Abendmahls. In Jesu Einsetzungsworten
„…solches tut zu meinem Gedächtnis“ ruft er uns: Nehmt diese
Geschichte in Eure Gegenwart auf. In diesem Mahl bin ich mitten unter
Euch.

Bei allem, was uns an einer gemeinsamen Feier dieses Mahls
hindert, dies eine verbindet uns gewiss: wir feiern dieses Mahl im
Gedenken an unseren Herrn Jesus Christus und seinen großen
Versöhnungsdienst an uns so, dass wir uns von ihm einladen lassen und
stärken als solche, die zu seiner Geschichte gehören. Wir sollen und
dürfen ein Teil dieser Geschichte werden. Wir sollen und dürfen
Anteil an dieser Geschichte bekommen – dass wir mit ihr unsere
Gegenwart und Zukunft gestalten.

Und das hat eine Wirkung auf unsere Geschichte, die wir gemeinsam
haben und auf die Geschichte unserer Verschiedenheit und Trennung.
Auch diese Geschichte ist nicht abgeschlossen und vorbei, schon gar
nicht so, dass wir auf sie festgelegt werden. Auch diese z. T.
überaus schmerzhafte Geschichte liegt so vor uns, dass wir in der
Gegenwart, heute, in sie hineingehen und Gemeinschaft suchen im
Gespräch miteinander und im Hören auf Gottes Wort.

In diesem Sinn ist die Begegnung heute geschichtlich bedeutsam.
Welche Führung und Entscheidung, dass wir an diesem Ort
zusammengekommen sind, an diesem Ort, der uns anspricht, der mit
seiner Geschichte zu uns heute spricht.

Gottes Heiliger Geist lasse uns segensreiche Schritte in diese
Geschichte hineingehen.

Deutsche Originalfassung / English Translation / Traduzione
italiana: www.ekd.de/texte-erfurt-2011

Pressekontakt:
Evangelische Kirche in Deutschland
Reinhard Mawick
Herrenhäuser Strasse 12
D-30419 Hannover
Telefon: 0511 – 2796 – 269
E-Mail: reinhard.mawick@ekd.de

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