Ex-CIA-Agent Glenn Corn: Russland setzt seit Zarenreich dieselben Desinformationsmethoden ein

Glenn Corn verbrachte 34 Jahre im Dienst amerikanischer Geheimdienste, zuletzt als leitender Offizier der CIA im Rang des Senior Intelligence Service. Heute lehrt er am Institute of World Politics in Washington D.C. und erläutert im Exklusivinterview mit ALLATRA TV die Mechanismen russischer Desinformationsoperationen, ihre historischen Wurzeln und ihre aktuellen Ausprägungen im Krieg gegen die Ukraine.

Wer ist Glenn Corn?

Glenn Corn ist ehemaliger leitender Offizier der CIA im Rang des Senior Intelligence Service. Er verbrachte mehr als 20 Jahre im Auslandseinsatz, hauptsächlich in Eurasien, dem Nahen Osten und Südasien. Zu seinen Positionen zählten die Leitung von CIA-Stationen in eurasischen und nahöstlichen Ländern, die Funktion als stellvertretender Hilfsdirektor für Operationen sowie die Leitung einer Abteilung im Counterterrorism Center. Corn erhielt sowohl den Director s CIA Award als auch den Director of National Intelligence Award. Im Jahr 2023 trat er in den Ruhestand und lehrt seitdem Kurse über die Geschichte russischer und sowjetischer Geheimdienste sowie über türkische Sicherheitspolitik am Institute of World Politics in Washington D.C.

Von der Ochrana bis zum KGB: Eine Kontinuität über Jahrhunderte

Corn betont, dass die Wurzeln russischer Desinformation nicht im Sowjetsystem liegen, sondern deutlich früher anzusetzen sind.

_“Ich würde noch weiter zurückgehen, in die vorsowjetische Zeit, in die Zarenherrschaft. Die zaristische Ochrana war sehr gut in Desinformation und natürlich in operativen Kombinationen. Das ist eines der Themen in unserem Kurs: Diese Methoden entstanden weit vor dem Machtantritt der Bolschewiki 1917 und der Gründung der Tscheka.“_

Als frühes Beispiel nennt Corn die „Protokolle der Weisen von Zion“, die von der Ochrana als Fälschung produziert wurden, um von den wirtschafts- und agrarpolitischen Fehlern des Zaren abzulenken und einen Sündenbock zu schaffen. Corn verweist darauf, dass dieses Dokument auch heute noch in verschiedenen Ländern von manchen Menschen als echt zitiert wird, obwohl es als Fälschung entlarvt ist.

Das bolschewistische Regime übernahm laut Corn das Wissen der Ochrana und entwickelte es weiter. Als eindrucksvolles Beispiel nennt er die sogenannte „Trust“-Operation (russisch: „Trest“), bei der die OGPU über sieben Jahre hinweg die Emigranten-Weißen-Bewegung in Paris sowie verbündete Geheimdienste durch Doppel- und Lockvogel-Agenten systematisch manipulierte, bevor die Operation bewusst aufgeflogen wurde, um den Schaden auf Seiten des Gegners zu maximieren.

KGB-Operation „Infektion“: Ein fabriziertes AIDS-Narrativ erreicht das US-Fernsehen

Corn schildert eine der wirkungsvollsten Desinformationsoperationen der Sowjetzeit: die sogenannte „Operation Infectsya“ („Operation Infektion“). Das Ziel der Ersten Hauptverwaltung des KGB, zuständig für aktive Maßnahmen, bestand darin, die USA weltweit zu diskreditieren.

Das Vorgehen verlief nach einem bis heute aktuellen Schema: Der KGB griff reale, gesellschaftlich aufgeladene Informationen auf, verarbeitete und verfälschte sie, und verbreitete das Ergebnis über einen scheinbar unabhängigen Kanal.

_“Ein KGB-Agent, ein Journalist in Indien, veröffentlichte die Geschichte in einer indischen Zeitung. Dann übernahm die TASS die Meldung, und sie wurde in der „Literaturnaya Gazeta“ veröffentlicht. Anschließend begannen westliche Medien, die Geschichte aufzugreifen.“_

Laut Corn wurde die Behauptung, die CIA und das US-Verteidigungsministerium hätten die AIDS-Epidemie absichtlich verursacht und verbreitet, schließlich von einem der großen amerikanischen Fernsehsender auf nationaler Ebene ausgestrahlt. Erst die Regierung unter Ronald Reagan stellte die Sowjetunion öffentlich zur Rede. Generalsekretär Gorbatschow musste schließlich zugeben, dass die ganze Geschichte frei erfunden war, und Ende der 80er Jahre wurden diese Behauptungen zurückgezogen. Corn kommentiert:

_“Dennoch gibt es bis heute Menschen, die an einzelne Aspekte dieser Geschichte glauben. Das zeigt, wie tief solche Dinge in das Unterbewusstsein oder sogar ins Bewusstsein des Publikums eindringen können.“_

Aktuelle Narrative über die Ukraine: Fälschung auf der Basis eines Körnchens Wahrheit

Laut Corn folgen russische Desinformationsoperationen zum Thema Ukraine bis heute demselben methodischen Grundsatz. Ein kleines reales Faktum wird ausgewählt, übertrieben, verdreht und mit erfundenen Elementen aufgeladen.

Folgende Narrative nennt Corn als systematisch von Russland verbreitete Falschinformationen:

* _Ukrainer sind Nazis und Faschisten._

Corn räumt ein, dass es historisch tatsächlich Ukrainer gab, die sich im Zweiten Weltkrieg mit Deutschland verbündeten, um der sowjetischen Herrschaft zu entkommen. Daraus macht das Kremlin-Narrativ jedoch eine pauschale Charakterisierung des gesamten ukrainischen Volkes.

* _Ukraine verfolgt Christen._

Den realen Kern sieht Corn im legitimen Interesse der ukrainischen Regierung, den russisch-orthodoxen Kirchenzweig unter dem Moskauer Patriarchat auf seine Nutzung für Geheimdienstoperationen zu überprüfen. Russland dreht dies in eine Verfolgungsgeschichte um. Corn verweist auf die Realität:

_“Als ich letztes Jahr in der Ukraine war, wurden mir folgende Zahlen genannt: Die drittgrößte Mormonen-Gemeinde Europas befindet sich gerade in der Ukraine. Niemand schikaniert oder verfolgt sie. Ich bin mir nicht sicher, ob man dasselbe über Mormonen oder Vertreter anderer Konfessionen sagen kann, die in Russland leben.“_

* _Präsident Selenskyj soll angeblich „auf einer Yacht Kokain schnupfen“ und ist in Wirklichkeit gar nicht in Kiew._

Diese und ähnliche Behauptungen, so Corn, zählen zum festen Repertoire russischer Desinformation und sind sachlich widerlegbar.

* _Ukrainer verkaufen westliche Waffen._

Hierzu stellt Corn klar:

_Ja, Ukraine hat ein Problem mit Korruption… …Eventuell ist auf dem Schlachtfeld die Kontrolle über einige Einheiten verloren gegangen, was in jedem Krieg vorkommt. Vielleicht ist etwas in die falschen Hände geraten. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Verkauf von Waffen zur Politik der Ukraine gehört oder dass in diesem Bereich massive Korruption herrscht._

Diese Themen werden ständig an die Öffentlichkeit getragen. Sie spielen auf die Emotionen der Menschen ein, die darauf reagieren.

Tarnorganisationen: Wie Russland zivile Strukturen für Geheimdienstzwecke nutzt

Ein weniger bekannter Aspekt russischer Einflussnahme ist nach Corns Ausführungen die Nutzung sogenannter Anti-Sekten-Netzwerke. Die ALLATRA-Interviewpartnerin Valeria Smian verwies auf Berichte der United States Commission on International Religious Freedom, wonach Organisationen wie RACIRS (Russian Association of Centers for Study of Religions and Sects) unter Alexander Dworkin sowie die europäische Dachorganisation FECRIS für die Verbreitung kremltreuer Narrative genutzt worden seien, darunter die Behauptung einer notwendigen „De-Satanisierung“ der Ukraine.

Corn bestätigt, dass Russland historisch und aktuell Tarnorganisationen einsetzt:

_“Historisch gesehen waren die Sowjets sehr gut darin, Tarnorganisationen zu nutzen. Sie taten es im Kalten Krieg. Denken Sie an die Antiatomwaffen-Bewegung. Frieden, das klingt gut. Aber wenn man genauer hinschaut und sieht, woher die Finanzierung, die Aufgabenstellung und die Direktion kamen, gab es dort eine Agenda.“_

Er empfiehlt allen Think-Tanks und zivilgesellschaftlichen Organisationen ausdrücklich, bei Partneranfragen eine sorgfältige Überprüfung vorzunehmen:

_“Wenn jemand zu Ihnen kommt und sagt, wir müssen eine De-Satanisierung der Ukraine betreiben, dann sollten Sie fragen: Wo ist der Beweis für die Satanisierung?“_

Zur Frage, ob solche Gruppen als ausländische Agenten behandelt werden sollten, warnt Corn vor vorschnellen staatlichen Eingriffen. Entscheidend sei der Nachweis einer direkten Finanzierung oder Aufgabenstellung durch ausländische Regierungen.

Die westliche Verwundbarkeit: Bildungslücken und Algorithmen

Als zentrale Schwachstelle westlicher Gesellschaften gegenüber Desinformation benennt Corn nicht in erster Linie die Medien, sondern das Bildungssystem:

_“Wir haben in den letzten 30 Jahren unser Bildungssystem verfallen lassen. Wir bringen jungen Menschen keine Geschichte mehr bei. Wir geben ihnen keine solide Grundlage in Geschichte und kritischem Denken. Das macht es sehr einfach, sie zu manipulieren.“_

Als zweites strukturelles Problem nennt er die Konstruktion sozialer Medien:

_“Nehmen Sie sich einen tiefen Atemzug, wenn Sie eine Schlagzeile sehen. Verstehen Sie, dass viele der Algorithmen in sozialen Medien darauf ausgelegt sind, genau diese emotionale Reaktion bei Ihnen auszulösen.“_

Corn verweist auf ein russisches Sprichwort, das er seinen Studenten häufig mitgibt: _“Kostenloser Käse gibt es nur in der Mausefalle.“_

Wer Informationen unreflektiert aufnimmt und weiterverbreitet, könne ohne eigenes Wissen Teil einer Desinformationskampagne werden.

Russische Informationsermüdungsstrategie und die Reaktion des Westens

Corn bestätigt die Einschätzung, dass Russland nach dem ersten ukrainischen Informationserfolg zu Beginn des Krieges auf eine Ermüdungsstrategie umgeschwenkt ist, die darauf zielt, das westliche Publikum durch Informationsüberflutung zu lähmen. Er schrieb laut eigener Aussage bereits 2023 in einem Artikel:

_“Der Krieg um die Ukraine wird wahrscheinlich mehr im Informationsraum geführt als auf den Schlachtfeldern der Ukraine.“_

Als Reaktion empfiehlt Corn keine Desinformation, sondern eine offensive Kommunikation mit Fakten, auch Richtung russischer Bevölkerung. Er verweist auf die Reagan-Administration als Vorbild, die in den 1980er Jahren ein funktionsfähiges System zur Identifikation und Gegendarstellung von Kremlin-Narrativen aufgebaut hatte, welches nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgegeben wurde.

Ukrainische Geheimdienste als neue Abschreckungskraft

Corn hebt hervor, dass sich das Kräfteverhältnis im verdeckten Bereich seit dem Vollausbau des Krieges verändert hat:

_“Vor dem Februar 2022 führten die Russen Attentate und Sabotageakte auf ukrainischem Territorium durch. Der einzige Unterschied zu jetzt ist, dass die Ukrainer gezeigt haben, dass sie dasselbe können, und das sehr effektiv.“_

Dies schaffe eine neue Form der Abschreckung, die laut Corn nach einem möglichen Waffenstillstand dazu beitragen könnte, verdeckte russische Operationen zu begrenzen.

Drei Empfehlungen für jeden Einzelnen

Corn schließt das Gespräch mit konkreten Handlungsempfehlungen:

* Erstens: Historisches Wissen aufbauen, etwa durch Bücher, Podcasts oder YouTube-Videos zur Geschichte der Desinformation.
* Zweitens: Bei emotionalen Meldungen innehalten und eine Gegenrecherche durchführen, bevor Inhalte geteilt werden.
* Drittens: Informationslücken als Einladung zum Lernen begreifen, statt sie durch ungeprüfte Inhalte zu füllen.

_“Die effektivste Kugel und die beste Selbstverteidigung ist Ihre Fähigkeit zu denken. Diejenigen, die gegen uns sind, rechnen damit, dass wir nicht denken wollen.“_

_Quelle: Exklusivinterview mit Glenn Corn für ALLATRA TV, geführt von Valeria Smian. Das vollständige Interview auf Deutsch wurde auf dem YouTube-Kanal _Wissenschaft. Gesellschaft. Zukunft_ veröffentlicht._