Mittelbayerische Zeitung: Briten droht ein “perfekter Sturm”. Die Aussicht auf einen No-Deal-Brexit verschreckt die Investoren auf der Insel. Eine Rezession zeichnet sich ab. Von Jochen Wittmann

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Es ziehen Sturmwolken auf für die britische
Wirtschaft. Einen deutlichen Warnschuss hatten die Finanzmärkte am
Wochenanfang abgegeben. Der Kurs des britischen Pfunds erreichte am
Montag den Tiefststand von 1,0724 Euro – so niedrig notierte es
zuletzt in der Rezession nach der Finanzkrise 2009. Die weltweite
Wirtschaftsschwäche kombiniert mit den Befürchtungen eines harten
Brexit ließen die Landeswährung in den Keller rauschen. Analysten
sehen im Falle eines ungeregelten Austritts aus der EU durchaus noch
weiteres Fallpotenzial – bis zur Parität zum Euro und darüber hinaus.
Seit dem Referendum im Juni 2016 war der Pfundkurs sozusagen der
Kanarienvogel im Bergwerksschacht, der Auskunft darüber gab, wie es
um den Brexit steht. Nach einer sofortigen Abwertung der
Landeswährung am Tag nach der Entscheidung um mehr als zehn Prozent
haben seither die Finanzmärkte auf jede politische Entwicklung im
Brexit-Drama ebenso prompt reagiert: Deutete sich ein weicher Brexit
an, stieg das Pfund, und es fiel, wenn sich ein harter Ausstieg
abzeichnete. Jetzt weist alles auf einen No-Deal-Brexit hin, auf
einen ungeregelten Ausstieg mit womöglich chaotischen Konsequenzen
für die Wirtschaft. Der neue Premierminister Boris Johnson hat einen
Brief an seine Beamten geschrieben, in dem er unterstrich, dass “die
dringliche und schnelle Vorbereitung für einen Austritt ohne Deal
meine Top-Priorität” ist. Gleichzeitig hat er eine Urlaubssperre bis
zum 31. Oktober verhängt. Johnson mag zwar noch davon reden, einen
Deal erreichen zu wollen. Aber seine Bedingungen sind für Brüssel
unannehmbar. Es kann kaum noch einen Zweifel geben: Die britische
Regierung steuert den No-Deal an. Ob die Opposition ihn stoppen kann,
ist ungewiss. Für ausländische Investoren klingeln jetzt die
Alarmglocken. Zumal es der britischen Volkswirtschaft schon vor dem
vollzogenen Austritt nicht gut geht. Während das Bruttoinlandsprodukt
im ersten Quartal 2019 noch um ein halbes Prozent wuchs –
hauptsächlich der Bevorratung vor dem ursprünglichen Austrittstermin
am 29. März geschuldet – , schrumpfte das BIP im zweiten Quartal um
0,2 Prozent. Eine Rezession zeichnet sich ab. Das Investitionsklima
war schon vorher wegen der Brexit-Unsicherheit schlecht. Jetzt wird
es geradezu toxisch, wie das Finanzberatungsunternehmen de Vere in
einer Umfrage herausfand: 60 Prozent seiner Investoren wollen
mittlerweile ihr Kapital abziehen. “Großbritannien scheint
deprimierenderweise”, so de-Vere-CEO Nigel Green, “auf einen
wirtschaftlichen Abgrund zuzutaumeln.” Green sieht “einen perfekten
Sturm” auf das Land zukommen: “das Pfund auf einem Zehnjahres-Tief,
die wachsende Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung und das Risiko
eines No-Deal-Brexit, der das Königreich in eine Rezession stößt.”
Dabei hat Green noch nicht einmal einen weiteren Risikofaktor für
Investoren benannt: die Möglichkeit, dass der Labour-Chef Jeremy
Corbyn im Zuge der politischen Wirren um den Brexit ans Ruder kommen
könnte. Der Altlinke mit seinen dezidiert antikapitalistischen
Positionen wäre Gift für das Investitionsklima. Dabei sehen andere
ökonomische Eckdaten zur britischen Volkswirtschaft zur Zeit gar
nicht so schlecht aus. Der Arbeitsmarkt ist ausgesprochen stabil. Die
Beschäftigungsrate liegt bei der Rekordmarke von 76,1 Prozent und die
Arbeitslosigkeit beträgt nur 3,9 Prozent, ein Tiefststand seit den
1970er Jahren. Auch die Löhne stiegen um 3,9 Prozent und liegen damit
deutlich über der Inflationsmarke von 2,1 Prozent. Aber die guten
Nachrichten werden überschattet vom drohenden Brexit in 75 Tagen.

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Mittelbayerische Zeitung
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