Mittelbayerische Zeitung: Der gescheiterte Papst / Franziskus vergleicht Abtreibungen mit Auftragsmord. Nicht nur damit enttäuscht der Pontifex die Erwartungen vieler Gläubiger. Von Julius Müller-Meiningen

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Wann ist ein Papst als gescheitert anzusehen?
Wenn die Erwartungen der überwiegenden öffentlichen Meinung
mehrheitlich enttäuscht werden. Das ist die eine Antwort auf die
Frage danach, ob Franziskus nach fünfeinhalb Jahren im Amt sein
Pulver verschossen hat. Die andere Antwort lautet: Ein Papst kann nur
scheitern in einer Epoche, in der Moralvorstellungen nicht mehr von
den Vorgaben von Institutionen abhängig gemacht werden. Es gehört
auch im 21. Jahrhundert zum Selbstverständnis der katholischen
Kirche, als Apparat Hüterin einer alleingültigen Wahrheit zu sein.
Sämtliche Ausformungen dieser Haltung müssen mit den Vorstellungen
einer individualistischen Gesellschaft kollidieren, die sich von
Obrigkeiten immer weniger sagen lassen will. Das gilt auch für
Franziskus, der sich selbst als „Sohn der Kirche“ bezeichnet. Der
Wunsch, dieser Sohn der Kirche möge das Antlitz derselben
verschönern, wird zunehmend enttäuscht. Vergangene Woche verglich der
Papst Abtreibung mit Auftragsmord. Im August sinnierte er darüber,
dass bei Homosexualität im Kindesalter „mit Psychiatrie“ einiges zu
machen sei. Franziskus entsprach in diesen Momenten keineswegs dem
Bild, das sich viele Gläubige von ihm als fortschrittlichem Reformer
gemacht haben. Deshalb ist das Kopfschütteln über ihn umso größer. In
diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, dass Franziskus an diesem
Sonntag seinen Vorgänger Paul VI. heiligsprechen wird.
Heiligsprechungen an sich kollidieren mit dem Zeitgeist. Ihr tieferer
Sinn ist, die Vorbildlichkeit eines Menschen für die Nachkommen zu
bewahren. Dass nun ausgerechnet Giovanni Battista Montini in den
Genuss dieser Ehre kommen soll, sorgt für Verstimmung bei den
Anhängern des Reformkatholizismus. Paul VI. ist vor allem für seine
Moralenzyklika „Humanae Vitae“ bekannt, in der er im Jahr 1968 jede
Art künstlicher Verhütung verbot und damit die gesellschaftlichen
Vorstellungen von mehr Selbstbestimmtheit kontrastierte. Franziskus
erkennt in Paul VI. aber auch einen Kirchenführer, der mit dem
Zeitgeist hadernd die Kirche des 19. Jahrhunderts in die Moderne
führte. Montini verzichtete auf anachronistisch anmutende
Machtinsignien wie die Tiara, sorgte für den Abschluss des Zweiten
Vatikanischen Konzils und seiner Beschlüsse, verankerte die Synoden
genannten Bischofsversammlungen als päpstliches Beratungsgremium,
söhnte sich mit der orthodoxen Kirche aus und sah sich der harten
Opposition der Lefebvre-Anhänger gegenüber. Unübersehbar bestehen
Parallelen zum gegenwärtigen Pontifikat. Auch Franziskus versucht das
aufgeblähte Papsttum zu entzaubern, fördert kollegiale Beschlüsse,
schreitet in der Ökumene voran und sieht sich einer harten
konservativen Opposition ausgesetzt. Man kann Paul VI. durchaus als
Vorbild für Franziskus bezeichnen. Dabei besteht das unauflösbar
scheinende Dilemma zwischen Gesellschaft und Kirche nicht zuletzt in
der extremen Institutionalisierung Letzterer. Denn die Sehnsucht nach
Sinn und Antworten auf große Fragen sind heute durchaus vernehmbar.
In der katholischen Kirche pervertieren Machtstreben und die extreme
Pflege von Strukturen den Kern der urchristlichen Lehren von Frieden
und Liebe seit langem. Das war schon zu Zeiten der Inquisition
sichtbar und wird besonders in den derzeit so vehement zum Vorschein
kommenden Missbrauchsskandalen in aller Welt evident. Kirchenmänner
haben hier den ihnen aufgetragenen Dienst der Heilung in sein
Gegenteil verkehrt, in Zerstörung. Auch Franziskus ist als „Sohn der
Kirche“ in diesem Dilemma gefangen. Als Erzbischof von Buenos Aires
setzte er sich für Täter, aber nicht für Opfer ein. Seine
Null-Toleranz-Politik als Papst kontrastiert mit der Ernennung einer
ganzen Reihe von Prälaten, die in Sachen Missbrauch schwere Fehler
begangen haben. Wer heute von Franziskus enttäuscht ist, hat eines
vergessen. Die „Söhne der Kirche“ müssen sich zu großen Teilen mit
der Institution identifizieren, der sie sich angeschlossen haben. Von
einzelnen von ihnen grundlegende Veränderungen zu erwarten, grenzt an
Illusion.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
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