Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel „Demonstrieren reicht nicht“ von Benjamin Weigl zu „Fridays for Future“

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Es geht nicht um die Plastikverweigerer, die
radfahrenden Veganer, die Ökostrom-Verbraucher, Biomarkt-Käufer und
Greta Thunbergs dieser Erde. Es geht um die jungen Leute, die am
heutigen Freitag wieder für den Klimaschutz demonstrieren, „Rettet
die Erde“ rufen und trotzdem nichts an ihrem Konsumverhalten ändern.
Wir Menschen der westlichen Welt pflegen einen Lebensstil, der weit
über das hinausgeht, was unser Planet auf Dauer verträgt. Schüler und
Studenten haben das erkannt und die „Fridays for Future“ respektabel
vorangetrieben. Viele von ihnen denken aber nicht genug über ihren
eigenen ökologischen Fußabdruck nach. Man nehme das Beispiel
Smartphones. Klar ist das toll: Alle zwei Jahre ein schnelles,
schickes, neues Handy. Manchmal ist diese Option sogar im Vertrag
verankert, seit neuestem oft schon mit jährlichem Handywechsel. Junge
Menschen lieben diese verlockenden Angebote. Doch wer von ihnen denkt
dabei an die Elektroschrott-Deponien, etwa in Ghana? Mit immer
kürzeren Produktzyklen wachsen die Berge an giftigem Müll an vielen
Orten der Welt. Sie verpesten die Umwelt und erzeugen Treibhausgase.
Zusätzlich führt die erhöhte Nachfrage nach Edelmetallen zu
Kinderarbeit und schlimmen Zuständen in den Minen der dritten Welt.
Gerade jüngere Generationen müssen für diese Zustände die
Verantwortung mit auf sich nehmen. Ähnlich ist es beim Reisen.
Fliegen ist nach wie vor sehr billig möglich. Leider sind es oft
gerade die privilegierten Studenten, die freitags gegen den
Klimawandel aufbegehren, überspitzt gesagt am Samstag aber auf
Instagram Fotos von ihrem Flug nach Asien, Südamerika oder Afrika
posten. Auch die Schüler reisen zu Ostern, Pfingsten und in den
Sommerferien nach Ägypten oder auf Mallorca. Denn Malle, das ist
längst nicht mehr nur einmal im Jahr. Zwar werden junge Menschen
durch Reisen im besten Fall auch weltoffen und gebildet. Dennoch
müssen sich junge „Fridays for Future“-Demonstranten, die sich selbst
zu den Vielfliegern zählen, in Zukunft im Verzicht üben, wenn man sie
ernst nehmen soll. Auch beim alltäglichen Einkauf im Supermarkt
sollten sie mit gutem Beispiel voranzugehen. Es muss nicht der
Biomarkt oder der Unverpackt-Laden sein, wenn das Geld knapp ist.
Plastik lässt sich auch im Discounter vermeiden, vor allem an der
Obst- und Gemüsetheke. Die engagierte junge Generation könnte hier
beweisen, dass sie die Nachfrage steuern und zu einer nachhaltigen
Veränderung beitragen kann. Das gilt auch für Online-Versand und
Kleidungs-Käufe, bei denen es vor allem auch die jungen Menschen
sind, die der Erde Schaden zufügen. Einige wenige Teilnehmer der
„Fridays for Future“ missbrauchen die Demos nur als Legitimation, um
vom Unterricht fernzubleiben. Doch den meisten liegt die Sache
ehrlich am Herzen. Ihre Ehrlichkeit reicht aber bisweilen noch nicht
so weit, um täglich kleine Veränderung anzustoßen. Neben dem
Demonstrieren gehört auch dazu, Eltern und Freunde zum Umdenken zu
bewegen. Liebe Schüler: Fragt eure Eltern doch mal, warum sie euer
Engagement befürworten, selbst aber nicht auf die Straße gehen.
Demonstrieren ist auch am Wochenende erlaubt, nicht nur freitags.
Liebe Studenten: Kulturen kennenlernen und Weltoffenheit sind zwar
schön und gut – aber bewegt eure Freunde doch mal tatsächlich dazu,
die Zahl ihrer (Fern-) Reisen kritisch zu hinterfragen. Es ist an der
Zeit, dass sich die Bewegung im Klaren darüber wird, als was sie in
Erinnerung bleiben will: als schnell verpuffte, belächelte
Initiative, die nichts nachhaltig verändert hat. Oder als die
Generation, die damals, ähnlich der Studentenbewegung der 1960er,
einen Wandel geschaffen hat. Und die irgendwann als Meilenstein der
beginnenden Klimarettung in Schulbüchern verewigt sein wird.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
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