Wendepunkt / Leitartikel von Friedrich Roeingh zum Jahreswechsel

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Hoffentlich ist das bald alles vorbei! Mit einer so gleich gerichteten Erwartung hat Deutschland, hat Europa, hat die Welt wohl noch nie auf den Beginn eines neuen Jahres geschaut. Nicht mal im viel schlimmeren Kriegswinter 1944/45 und auch nicht zur Zeit der spanischen Grippe, die noch nicht in der Lage war, im selben Moment die ganze Menschheit als Geisel zu nehmen. Die Vergleiche zeigen aber auch: Zwar begünstigt unsere Hyper-Mobilität die Ausbreitung von Pandemien in nicht gekannter Weise. Aber bei allen Beschränkungen unserer Freiheit, bei Wirtschaftseinbruch und sozialem Elend, bei hunderttausenden Todesopfern auf jedem einzelnen Kontinent gilt auch dies: Die Welt zeigt sich wesentlich fähiger als in der Vergangenheit, ein solches Elend zu begrenzen. Und die Wissenschaft erweist sich als enorm zielgerichtet – nicht nur bei der Entwicklung von Impfstoffen. Auch wenn wir also auf ein Horrorjahr zurückschauen. Auch wenn sich die Erwartung nicht bewahrheiten kann, das alles möge bald einfach vorbei sein: Es gibt doch vielerlei Gründe, hoffnungsfroh auf diesen Jahreswechsel und hoffnungsfroh auf die zwanziger Jahre zu blicken. Auch wenn sie ganz anders gestartet sind, als wir erwartet haben.So hat die Pandemie – anders als häufig prognostiziert – nicht zu einer Destabilisierung der politischen Systeme geführt. Im Gegenteil. Der Populismus, dem Fakten egal sind, sieht mit einem Mal alt aus. Die Abwahl Donald Trumps, das Scheitern Boris Johnsons in der Pandemie, sein Einlenken, doch keinen harten Brexit zu wagen, sind positive Zeichen. Zugleich erweist sich die Europäische Union in der Krise als unverzichtbar. Der Wiederaufbaufonds über 750 Milliarden Euro begünstigt eine Weiterentwicklung der EU zur übergeordneten staatlichen Ebene. Eine Weiterentwicklung, die es genauso dringend im Angesicht der drohenden chinesischen Übermacht und zum Zerschlagen der weltumspannenden Datenmonopole der Tech-Konzerne braucht. Eine weitere Erkenntnis aus 2020 sollte sich in unseren Köpfen eingebrannt haben: Ohne wissenschaftliche Begleitung, ohne technologischen Fortschritt ist Politik in der Jetztzeit nicht zu gestalten. Diese Erkenntnis war lange Zeit das Privileg der westlichen Industriestaaten, bis die KP-Autokraten in China dieses ehemals liberale Fortschrittsprivileg gekapert haben. So sind sie inzwischen auf dem besten Weg, Europa und die USA in technologischer, in wirtschaftlicher und sogar in gesundheitlicher Hinsicht zu überholen. Dass diese Herausforderung nicht mit nationalistischen Reflexen und nicht allein mit dem Loblied auf die Freiheit zu bestehen ist, hat das vergangene Jahr vor Augen geführt. António Guterres, der Generalsekretär der UN, hat die Eindämmung von Covid-19 als „eine Generalprobe für die Welt der kommenden Herausforderungen“ beschrieben. Die alles beherrschende Herausforderung ist die Abwendung der Klimakatastrophe. Die weltumspannende Erfahrung mit der Pandemie eröffnet nach Jahren der Rückschläge ganz neue Perspektiven auf die Bewältigung dieser Menschheitsaufgabe. Nicht nur durch die vom künftigen US-Präsidenten versprochene Rückkehr der USA zum Pariser Klimaschutzabkommen. Schließlich wird auch unsere wirtschaftliche Prosperität davon abhängen, dass wir technologisch nicht länger China hinterherhecheln wie zuletzt bei der E-Mobilität. Auch das eine Art Erweckungserlebnis. Vor allem aber hat uns das Coronavirus gezeigt, dass die kollektiven Gefahren, denen die Menschheit im 21.Jahrhundert ausgesetzt ist, nicht abstrakt, sondern für jeden Einzelnen spürbar sind. Vielleicht noch gerade rechtzeitig. Dieses schreckliche 2020 sollte bei allen Verwerfungen Mut machen, menschengemachte Katastrophen aufhalten und abwenden zu können. Mit allen Mitteln, die Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur zur Verfügung stehen.

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