Westdeutsche Zeitung: Kommentar von Ekkehard Rüger zum virtuellen Krankenhaus in NRW: Die Krankenkassen haben den Schlüssel in der Hand

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Die Idee ist verheißungsvoll und dazu angetan,
dem Schreckgespenst Digitalisierung einen konkreten Nutzen
entgegenzustellen: ärztliche Koryphäen, die plötzlich auch den
Problemfällen in der Provinz mit ihren Diagnose- und
Therapiefähigkeiten zur Verfügung stehen. Aber schon der gesunde
Menschenverstand sagt: Wenn eines Tages alle 344 Krankenhäuser
und 12 900 niedergelassenen Fachärzte in NRW die
digitalen Möglichkeiten haben, im virtuellen Krankenhaus mit ihren
Patienten vorstellig zu werden, braucht es einen verdammt
qualifizierten Türsteher, um das System vor dem Kollaps zu retten.

“Es kann nicht darum gehen, dass auch Oma Helga mal einen
Professor spricht”, hat NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann
(CDU) in bewährt salopper Art formuliert. Aber wer entscheidet dann
nach welchen Kriterien, ob Oma Helga wirklich so krank ist, dass der
ferne Herr Professor eben doch via Bildschirm zu Rate gezogen
wird - unter Kenntnis der Fallakte und aller bisherigen
Diagnoseaufnahmen? Und sind die Ärzte vor Ort auch bereit und in der
Lage, die Notwendigkeit fremder Expertise nicht nur zu erkennen,
sondern die Ratschläge auch anzunehmen?

Die Antworten können mitunter existenziell sein: Bei einer Studie,
die 500 Patienten mit Lebermetastasen untersuchte, sahen die
Spezialisten noch Operations- und damit Rettungsmöglichkeiten, wo die
behandelnden Ärzte bereits jede Hoffnung aufgegeben hatten. Hier wäre
das Vernetzungsversprechen des virtuellen Krankenhauses offenkundig
eines zum Nutzen der Patienten.

Laumann weiß, dass ihm und seinem hochkarätig besetzten
Gründungsausschuss bis zum Frühjahr der Nachweis gelingen muss, wie
dieser Nutzen organisatorisch sicherzustellen ist, um die
Krankenkassen endgültig auf seine Seite zu ziehen und die bundesweite
Vorreiterrolle einzunehmen, die ihm vorschwebt. Denn die Zeit der
Spezialisten lässt sich nicht beliebig vervielfältigen. Es bedarf
einer verlässlichen Regelfinanzierung und zusätzlichen Personals,
damit die ja auch erst noch zu schaffenden Vernetzungsstrukturen auf
Dauer erfolgreich sein können. Die Krankenkassen haben dazu den
Schlüssel in der Hand.

Aber ihr Wohlwollen sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie
mit ihrer Einwilligung auch harte Forderungen verbinden werden: nach
einer generellen Umstrukturierung der Krankenhauslandschaft in NRW.
Das klingt harmloser, als es ist. Dahinter verbirgt sich auch eine
Kampfansage an manche kleinere Häuser und ihre beschränkten
Möglichkeiten. Der Aufstieg des virtuellen Krankenhauses könnte mit
dem Ausstieg manchen realen Krankenhauses einhergehen.

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Westdeutsche Zeitung
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