Wundermittel Ganztag? / Leitartikel von Julia Emmrich

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Die Ganztagsschule ist das Wundermittel der deutschen Politik.
Gut, sie kann keine Kriege verhindern und den Klimawandel nicht stoppen – das
nicht. Aber die meisten anderen großen Probleme löst sie scheinbar mit links.
Gehen erst mal alle Kinder in die Ganztagsschule, wird alles gut, glauben viele.
Genauer: So wollen es viele glauben. Eltern können endlich ganz entspannt Job
und Familie unter einen Hut bringen. Alleinerziehende können Geld verdienen,
sind nicht auf staatliche Hilfen angewiesen und müssen keine Angst vor
Altersarmut haben. Kinder aus bildungsfernen Familien werden endlich solide
gefördert, Kinder aus Zuwandererfamilien werden im Handumdrehen integriert. Und
endlich ist genug Zeit, um Kinder zu souveränen Mediennutzern in der digitalen
Welt zu erziehen. Klingt super? Klar. Hat aber oft wenig mit dem Alltag zu tun.

Dort, wo Ganztagsschulen längst die Regel sind, wissen Eltern und Lehrer, dass
das Wundermittel im Alltag zwar etwas mehr zeitlichen Spielraum für berufstätige
Eltern schafft – darüber hinaus aber oft zu wenig bewirkt. Weil nicht allein die
Länge des Schultages entscheidend ist für bessere Bildung und echte Entlastung
der Eltern. Entscheidend sind andere Faktoren. Kleine Gruppen, motivierte
Fachkräfte, wenig Unterrichtsausfall, gutes Schulessen.

Dort, wo Ganztagsschulen noch eher selten sind, gibt es zwei Gefühlslagen: Vor
allem im Westen der Republik, wo Ganztagsplätze noch rar sind, schauen viele
Eltern neidisch nach Berlin, Hamburg oder in die ostdeutschen Bundesländer mit
ihrer flächendeckenden Ganztagskultur. Doch viele sind auch skeptisch: Ein
Großteil der Eltern mit Schulkindern lehnt die verpflichtende Ganztagsschule als
Modell für alle Schulen ab. Nicht einmal ein Viertel möchte, dass alle Schulen
in Deutschland Ganztagsschulen werden. Eins der wichtigsten Argumente: Zwei
Drittel der Eltern sagen, dass ihre Kinder den Nachmittag lieber zu Hause als in
der Schule verbringen, 45 Prozent befürchten einen Verlust gemeinsamer Zeit in
der Familie. Die Folge: Viele Mütter verschieben mal zähneknirschend, mal aber
auch aus Überzeugung die Rückkehr in den Job.

Grundsätzlich gilt: Die Ganztagsschule kann sehr viel erreichen – aber nur dann,
wenn sie mehr ist als vormittags Schule und nachmittags betreutes Herumlungern.
Doch das alles kostet viel Geld. Zumal dann, wenn ab 2025 sämtliche Eltern mit
Kindern im Grundschulalter einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz bekommen
sollen. Es geht um Milliarden, die vor allem die Länder zahlen müssen.

Eine neue Studie hat nun ausgerechnet, dass der Staat einen großen Teil der
Kosten für den Ganztagsausbau wieder reinholt – durch die wachsende
Erwerbsbeteiligung der Mütter. Doch diese Rechnung hat einen Haken: Sie geht nur
auf, wenn es überhaupt genug Personal für die Nachmittagsbetreuung gibt.

Erzieher? Lehrer? War da was? Richtig. Die fehlen jetzt schon. Beim Lehrermangel
hoffen nun viele auf die Langzeitfolgen der aktuellen Personalkrise: Die Länder
bilden endlich wieder mehr aus, in wenigen Jahren stehen deswegen wieder
deutlich mehr junge Lehrkräfte zur Verfügung. Bei den Erziehern und
Sozialpädagogen dagegen ist vollkommen unklar, wie der wachsende Bedarf künftig
gedeckt werden soll – nicht nur in den Ganztagsschulen, sondern auch in den
Kitas. Die Sorge ist deswegen groß, dass im Tauziehen um die Fachkräfte der
Mangel bloß immer wieder neu verteilt, aber nie behoben wird.

Sicher ist dabei eins: Wenn Bund und Länder keine Antwort auf die Frage finden,
wer den neuen Dienst am Nachmittag übernimmt, wird das Wundermittel Ganztag so
wirksam wie weiße Salbe

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