BERLINER MORGENPOST: Die Familie kann sich nur selber retten – Leitartikel

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Früher war die Sache mit der Familie ganz einfach:
Das junge Paar bekam ganz selbstverständlich Nachwuchs, möglichst
einen ganzen Schwung, denn Einzelkinder galten als problematisch,
weil verwöhnt und zickig. Niemand fragte nach den Kosten oder ob die
Wohnung groß genug sei. Das Baby schlummerte im Schlafzimmer der
Eltern, Kinderzimmer hießen so, weil meistens mehrere dort hausten.
Oma und Opa wohnten in der Nähe und betreuten die Kinder; als
Gegenleistung erwarteten sie später mal Hilfe. Zu den
Selbstverständlichkeiten jener Wirtschaftswunderjahre gehörte
allerdings auch, dass sich die Frau klaglos in die Rolle der
stullenschmierenden Wasch- und Bügelmaschine fügte, auch wenn die
Väter jener Jahre bei Weitem nicht so schlecht waren, wie sie heute
gemacht werden. Dieses Familienmodell, von der steinzeitlichen
Höhlenhorde gar nicht weit entfernt, war nach heutigen Maßstäben
nicht fair, aber stabil. Emanzipation, digitalisierte
Globalisierungsbeschleunigung und eine wachsende Zukunftsskepsis
erfordern völlig neue Modelle. Großeltern wohnen nicht mehr
automatisch nebenan; und ob vier, sechs, acht Omas aus ambitionierten
Patchwork-Familien sich verantwortlich fühlen wie einst, ist eher
fraglich. Und welcher angehende Senior glaubt tatsächlich noch an
liebevolle Pflege durch die lieben Kleinen? Das Ankommen auf der Welt
und der Abschied – diese beiden Phasen sind ohne Hilfe nicht zu
bewältigen. Eine durchgängige privatisierte Lebensbetreuung von der
Krippe bis zur Bahre will man keinem wünschen. Nur: Wie organisieren
wir die neue Zeit? Und wer bezahlt–s? Früher herrschten
Zukunftsglaube und Hoffnung, heute überwiegen durch die Generationen
eher Furcht und Bedenken. Daran ändert auch eine punktuell
verbesserte Stimmung nichts, die vermutlich auch mit dem
wirtschaftlichen Aufschwung des vergangenen Jahres zu tun hat. So
lässt sich der „Familienmonitor 2011“ aus dem Hause der just Mutter
gewordenen Ministerin Schröder als Aufgabenheft für die Politik
lesen, aber zugleich auch als Sammlung der verbreitetesten Ängste. Zu
wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenig Anerkennung, das sind die
kondensierten Emotionen, die aus dem Bericht sprechen.
Einzelmaßnahmen wie Elterngeld oder Bildungspaket mögen hier und da
helfen, aber sie drehen die vorherrschende Problem-Mentalität nicht.
Eine Blitzumfrage unter Abiturienten ergibt: Kinder werden zwar als
eines von vielen Lebenszielen betrachtet. Aber: Kinder sind teuer,
Kinder schränken ein, Kinder sind problematisch. Kein Tag, an dem
nicht neue Alarmstudien neue Probleme schildern:
Aufmerksamkeitsdefizit, Übergewicht, Dachschaden. Eines Tages selbst
Kinder zu haben, das ist für junge Leute heute nicht der Normal-,
sondern eher ein Ausnahmefall. Das Kind als Cabrio, ein Luxusartikel,
den man sich gönnt, wenn alles andere stimmt, insbesondere die
berufliche und mithin die finanzielle Sicherheit. Fakt ist: Die Macht
der Politik, die Versorgungsgüte des Staates ist beschränkt; ob und
wie Familien in Zukunft zusammenleben, müssen sie schon selbst
entscheiden – und organisieren.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST
Chef vom Dienst
Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

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